In gut zwei Wochen werden wir über die Konzernverantwortungsinitiative – kurz KOVI – abstimmen. Weil sich verschiedene Kirchen, Kirchgemeinden und Pfarreien hier besonders engagieren, hat KOVI das Potential, Kirchen aber auch Christen zu spalten. Die einen sagen, dass hier das Christentum in seinem Innersten tangiert ist und dass man als Kirche dazu nicht schweigen darf, sondern Stellung beziehen muss. Die anderen verweisen auf den grossen Betrag, den die Kirchensteuer der juristischen Personen ergibt und der von den Kirchen schon seit vielen Jahren im Sinne des Evangeliums eingesetzt wird. Dieser Betrag sei durch das Engagement der kirchlichen Befürworter der Initiative höchst gefährdet.

Wenn man das bedenkt ist es mehr als verständlich, dass es innerhalb von Gemeinden zu Streit gekommen ist. Das wird auf der einen Seite bedauert. Streit sollte es innerhalb der Kirche nicht geben und schon gar nicht wegen einer politischen Abstimmung. Anders tönt es dann auf der gegenüberliegenden Seite: Streit erhält die Kirche lebendig. Ein guter Streit ist für die Kirche ein Geschenk.

Auch über die Massnahmen während der Corona-Pandemie wird je länger je mehr heftig gestritten. Momentan wird dieser Streit in der Wissenschaft und zwischen Politikern und Politikerinnen auf der einen und so genannten Corona-Leugnern auf der anderen Seite ausgefochten. Das stärkste Argument der sog. Corona-Leugner sind die fehlenden wissenschaftlichen Nachweise. Sie halten diese stark heterogene Gemeinschaft beieinander und bringen die Gegenseite immer wieder in Verlegenheit. Weil diese Pandemie so überraschend die ganze Welt überflutet hat, konnte man bei weitem nicht alle wissenschaftlichen Untersuchungen durchführen, die es eigentlich bräuchte. So hat auch dieser Streit trotz vieler irrationaler Argumente etwas Gutes: Er stachelt die Politik und die Wissenschaft an, vorwärts zu machen und zu eindeutigeren Ergebnissen zu kommen.

Sowohl der Streit innerhalb von Kirchgemeinden als auch der Streit zwischen Verantwortungsträgern und den Corona-Leugnern wird dann besonders heftig, wenn es um Prognosen für die Zukunft geht, weil man sie so oder anders interpretieren kann. Wird KOVI die Steuern massiv reduzieren? Machen die Abstandsregeln das soziale Leben kaputt? Wir wissen es nicht genau und darum wird gerade über solche Fragen am meisten gestritten. Es geht hierbei auch um das, was ich glaube. Vor allem, wem ich glaube und warum ich genau das glaube. Glaube ich, dass der Corona-Virus so gefährlich ist, dass er ganze Familien ernsthaft krank werden lässt oder bin ich überzeugt, dass wir als Gemeinschaft dieses Pandemie überstehen werden und in nicht allzu langer Zeit immun gegen dieses spezielle Corona-Virus werden? Glaube ich, dass es sehr wichtig ist, als Kirche genug Geld auf der Seite zu haben, damit ich dementsprechend reagieren kann? Oder glaube ich, dass die Kirche am allermeisten dort gefragt ist, wo den Armen Unrecht geschieht?

Geschrieben von Michael Weisshar, Gemeindeleiter St. Marien Oberwinterthur

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