Die Welt scheint aus den Fugen zu geraten: Was vor kurzem noch undenkbar gewesen wäre, ist heute wieder salonfähig geworden, sei dies religiöser Fanatismus oder rechtsnationaler Rassismus. Ausgehend von banalen Geschichten wie einem verweigerten Handschlag werden unverhältnismässige Debatten geführt. Die Medien tragen mit dazu bei, einen neuen Kulturkampf herauf zu beschwören, etwa im Sinne, wie es der ehemalige Leiter der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus, Georg Kreis, formuliert hat:  «Radikale empören sich über Radikalismus.» Politisch endet das in Vorstössen von Bewegungen und Parteien, die Rechtsstaat, Verfassung und Menschenrechte unterhöhlen wollen. In diesem unsicheren Klima ist  es verständlich, dass die Bevölkerung verunsichert und irritiert ist.

Offene Jugendarbeit bietet Lösungsansätze
Die Lage scheint ausweglos zu sein und es ist schwierig geworden, sich für die Werte einer offenen und pluralistischen Gesellschaft einzusetzen. Wo bleibt die Vernunft? Wo sind Lösungsansätze zu finden? Hoffnung gibt es, wie es die Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative gezeigt hat! Die Zivilgesellschaft ist noch stark genug, sie kann selber denken und das Geschehen beeinflussen. Auch wenn es im ersten Blick nicht danach aussieht, die Offene Kinder- und Jugendarbeit ist einen Bestandteil davon.

Stadt und Kirchen in der Trägerschaft
Besonders in Winterthur ist diese soziale Infrastruktur, die sowohl von der Stadt wie auch den Kirchen getragen wird, nicht mehr wegzudenken. Die offene Arbeit begleitet Kinder, Jugendliche, aber auch junge Erwachsene in die Selbstständigkeit und Mündigkeit und integriert sie in gesellschaftliche Prozesse. Hier können die Betroffenen Bildungsinhalten erwerben, die für alltägliche Handlungs- und Sozialkompetenzen wichtig sind. Insbesondere für bildungsmässig und sozial benachteiligte junge Menschen leistet die Offene Kinder- und Jugendarbeit einen wichtigen Beitrag zur Integration und Vermeidung von Ausgrenzung. Dies konnten wir im Vorfeld der Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative eins zu eins feststellen: In unzähligen direkten Gesprächen in den Treffs haben sich viele junge Erwachsene zum ersten Mal Gedanken über ihre Rechte als Bürger gemacht. Sie haben begriffen, dass sie, unabhängig von ihrer Herkunft, Teil unseres Staates und unserer Gesellschaft sind. So hat es sich ergeben, dass am 28. Februar viele junge Bürgerinnen und Bürger zum ersten Mal in ihrem Leben abstimmen gegangen sind und ihr Meinung so kundgetan haben. Diesen jungen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, stärkt ihr Selbstwertgefühl und ist damit eine wichtige Voraussetzung, um Radikalismus in jeder Form überwinden zu können.

Stefan Heinichen ist Jugendarbeiter, unter anderem in der Pfarrei St. Marien, und bei der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus Berater für Roma und Sinti.

 

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