Im Rahmen meiner freiwilligen Arbeit als “Sitzwache” im Kantonsspital winterthur werde ich hie und da auf die Palliativstation, im Pavillon, aufgeboten. Mein Einsatz unterscheidet sich kaum von denen auf einer “gewöhnlichen“ Abteilung. Menschen, die keine Angehörigen haben, die nachts bei ihnen sein können, Menschen, die verwirrt oder sturzgefährdet sind, die Angst haben vor dem Alleinsein brauchen in der Nacht jemanden, der bei ihnen am Bett “sitzt”, bei ihnen wacht und für sie Zeit hat mit ihnen zu plaudern, wenn sie nicht schlafen können, der ihnen ein Glas Wasser reicht, wenn es für sie zu beschwerlich ist, selber zu trinken.

Auf dieser Station kommt hinzu, dass Menschen hier meist über längere Zeit bleiben müssen, möglicherweise die letzte Zeit ihres Lebens hier verbringen. Ich nehme hier eine besonders liebevolle Pflege wahr, spüre eine spezielle Atmosphäre, eben eher familiär als spitalmässig, selbst als Aussenstehende. In dieser Nacht ziehe ich auch keine “Spitalkleidung” an, wie auf andern Abteilungen.

Nächtliche Gespräche
Es gibt auf der Palliativstation einen Aufenthaltsraum mit modernem Sofa, Esstisch, Kaffeemaschine, Tageszeitung, Büchern, Fernseher und “Kunst” an den Wänden. Die Patienten bewegen sich hier fast wie zu Hause. Eine Patientin erzählt mir, dass sie wütend ist auf ihre Angehörigen, die veranlassten, dass sie nach einem Herzstillstand wiederbelebt wurde, wo sie doch einen Hirntumor hat, der nicht mehr heilbar ist. Für sie besteht die grösste “Lebensqualität” hier darin, dass sie keine Schmerzen haben muss. Viel lieber wäre sie doch einfach eingeschlafen. Wir sprechen in dieser Nacht von ihrem Dorf, wo sie aufgewachsen ist, von ihrem erlernten Beruf, worauf sie so stolz ist, weil es früher nicht selbstverständlich war, dass jedes den Traumberuf wählen konnte. Wir sprechen aber auch von ihrer Angst, allein zu sterben.

Stille Begleitung
weitnach Mitternacht wird die Patientin doch endlich müde. Sie bleibt mir die Antwort auf meinen lezten Satz schuldig. Sie ist eingeschlafen. Ich begleite sie mit guten Gedanken in den Schlaf. Einige Stunden schläft sie ruhig und ich lese auf meinem E- Reader, trinke einen Kaffee, um wach zu bleiben. Als sie wieder aufwacht, schaut sie ängstlich um sich. “Ich bleibe die ganze Nacht bei Ihnen”, beruhige ich sie. Sie trinkt noch einen Schluck Wasser und schläft friedlich bis am Morgen. Um sieben Uhr verabschiede ich mich von ihr, obwohl sie noch schläft. Sie macht kurz die Augen auf, flüstert “danke” und lächelt mich an.
das entschädigt mich mehr als genug für die durchgewachte Nacht.

Beatrice Infanger-Strässle ist Co-Präsidentin des Pfarreirats St. Urban und macht als freiwillig Tätige Sitzwachen im Kantonsspital Winterthur

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