«Ich bin hier im Hotel, ich kann mich einfach an den Tisch setzen, brauche keinen Abfallsack nach draussen zu tragen…!»

«Ich hatte eine schöne Wohnung und einen gepflegten Garten, alles ist weg, Möbel konnte ich fast keine mitnehmen!»

Mit so unterschiedlichen Einstellungen sprechen Menschen vom Wohnen im Alterszentrum. Es sind deshalb drei Gedanken, die mich bei meiner Arbeit begleiten:

Wenn eine Bildhauerin ein Werk erschafft, dann haut sie zuerst die grossen Steinbrocken weg, anschliessend gibt sie dem Stein mit immer gezielteren Schlägen die Form, die ihr vorschwebt. Aber die ganze letzte Etappe ist der Kleinarbeit gewidmet, erst das geduldige Ausarbeiten und Schleifen vollenden das Kunstwerk. Als junge Menschen treffen wir grosse Entscheidungen, dann verwirklichen wir unsere Träume. Die Vollendung des Kunstwerkes unseres Lebens liegt oft im den geduldigen Schritten des Reifens, wenn keine grossen Späne mehr fliegen.
Vielleicht ist das Bild des Bauens noch treffender: Wer ein Haus baut, erstellt recht schnell den Rohbau. Genauso lange dauert die Fertigstellung. Für den Besitzer wird das Haus aber erst dann persönlich, wenn er es liebevoll einrichtet.
Im Alter geschieht die Vollendung nach innen. Ich bewundere, was aus einem zerfurchten Gesicht spricht und bin fasziniert, wenn aus einem fast erloschenen äusserlichen Bewusstsein ein wunderbares Leuchten in die Augen aufsteigt.

Manche bedauern den «Verlust ihrer Selbständigkeit». Es will gelernt sein, sich helfen zu lassen; ganz besonders in der Körperpflege ist das nicht einfach. Aber waren wir denn je selbständig? Sicher nicht als Kleinkinder und Kinder, auch nicht als Schüler, wo Lehrerpersönlichkeiten uns prägten; auch nicht im Beruf, wo das Gelingen oft von den Mitarbeitern abhängt. Und wer erntet noch sein eigenes Brot? Wer kann sein Klima schützen?

«Was kann ich denn noch tun?» Sehr viel! Die Tochter einer Bewohnerin sagte mir einmal: Wenn ich zur Mutter komme, tauche ich ein in eine andere Welt. Wenn ich sie im Rollstuhl durch den Garten schiebe, sehe ich mit ihr plötzlich wieder Pflanzen wachsen, höre Vögel pfeifen. Was träumen Menschen im Arbeitsprozess nicht von Entschleunigung! Und das ist nicht das Einzige, was die Senioren uns bieten können, auch das Zuhören, das Anteil nehmen.

Ich durfte erfahren, dass Altwerden auch bedeutet, den Sinn für das Wesentliche zu schärfen. Oft wechselt das Gespräch sehr schnell vom Small Talk zu zentralen Lebenserfahrungen und existentiellen Fragen. Im Alter stellt man Lebensfragen nicht mehr spielerisch, sondern ganz, aus einer vorher ungeahnten Tiefe heraus. Viele Glaubensvorstellungen verlieren ihren äusseren Glanz und machen tiefer Verbundenheit, Staunen und herzlicher Dankbarkeit Platz. Nicht selten wächst gleichzeitig der Zweifel. Es ist mir wichtig, die Leute mit den Fragen nach dem Sterben, dem Sinn des Lebens und mit ihren gut verborgenen Ängsten nicht allein zu lassen, wenn Angehörige zu betroffen sind und vor solchen Gesprächen zurückweichen.

Über das Alt werden und das Sterben hat am Wochenende in Winterthur eine sehr gut besuchte Veranstaltung stattgefunden. Endlich über dieses Tabu offen sprechen zu können– das war für viele der selbst hochaltrigen Teilnehmenden befreiend. Selbstbestimmung im Alter ist ein Thema, das viele Fragen aufwirft.

«Das Leben sammeln, indem ich über die Wiese der zurückliegenden Jahre gehe und all die Blumen pflücke, die dort wachsen und wuchsen, und sie zu einem Strauss zusammenfüge: die bunten, schönen, aber auch die verdorrten oder dornenvollen.» So kann alt werden gehen – vielleicht nicht für alle Menschen, aber für die Frau, die dem Winterthurer Seelsorger Peter Koller mit diesen Worten beschrieb, wie sie auf ihr Leben zurückblickt. Der katholische Seelsorger erzählte das Beispiel der «Lebenssammlerin» an der Podiumsdiskussion der Veranstaltung «Erfolgreich alt werden – erfolgreich sterben!?», die am Samstag, 30. Mai 2015, in Winterthur stattgefunden hat.

Brennende Fragen
Alt werden und sterben in einer Gesellschaft, in der die Menschen immer älter werden, die aber gleichzeitig Jugendlichkeit, Dynamik und Leistungsfähigkeit zum Mass aller Dinge macht, ist eine Herausforderung. Das machte der grosse Publikumsaufmarsch deutlich: Gegen 170 Teilnehmerinnen hatten den Weg in das Pfarreizentrum St. Urban in Seen gefunden, hörten der Podiumsdiskussion zu, stellten Fragen an die Referentinnen und Referenten, nahmen engagiert an Workshops und anschliessend am Gottesdienst teil. Neben dem katholischen Seelsorger Peter Koller diskutierten auf dem Podium die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Dr. Bernadette Ruhwinkel, die Psychologin Doris Held, die Leiterin des benachbarten Altersheims St. Urban Brigitte Müller und die Altersheimbewohnerin Marlisa Schmocker sowie Franziska Müller Gaja, die die Pflege am Zentrum für Palliativmedizin des Kantonsspitals Winterthur leitet. Selbstbestimmung im Alter und im Sterben ist ein Thema, das unter den Nägeln brennt. Gedanken von Seelsorgenden sind dabei genauso wichtig wie Informationsvermittlung von medizinischen und psychologischen Fachpersonen.

 

Selbstbestimmung ist keine Altersfrage
Eines machte die Veranstaltung ebenfalls deutlich: Alt zu werden geht einher mit Verlust, das lässt sich nicht schönreden: Es ist der Verlust von Kraft und Mobilität, von Aufgaben und Fähigkeiten, von anderen Menschen. Doch nicht notgedrungen von der Selbstbestimmung. So das Votum der Winterthurer Psychologin und Meditationslehrerin Doris Held: «Selbstbestimmung heisst einfach: Ich will. Und das kann man in jeder Lebensphase.», erklärte sie eindringlich. Die Alterspsychiaterin und -psychologin Dr. Bernadette Ruhwinkel unterstrich dies: Jüngere Menschen seien nicht in jedem Lebensaspekt absolut selbstbestimmt und alte nur fremdbestimmt, jedes Alter habe seine Rahmenbedingungen, aber in jedem Alter könne man sich dort Selbstbestimmung sichern, wo sie einem wichtig sei. Und dies seien mit zunehmenden Jahren oft Aspekte der Lebensgestaltung, wenn Einschränkungen oder Krankheiten sich zeigen würden.

 

Mehr als die Wahl des Todeszeitpunktes

Dass die Selbstbestimmung nicht lediglich die Wahl des Todeszeitpunktes sei, wie es Sterbehilfeorganisationen anbieten, betonte auch Brigitte Müller, die Leiterin des Altersheimes St. Urban in Seen: Heute komme eine Generation von Gästen ins Altersheim, die verlangt, dass ihren individuellen Ansprüchen in der Lebensgestaltung Platz eingeräumt werde, sagte die Altersheimleiterin: «Das ist für uns oft eine Herausforderung, aber richtig und wichtig. Bewohnerinnen und Bewohner mieten hier ein Zimmer inklusive Service, ihr Leben sollen sie aber weiter selbst bestimmen können.» Marlisa Schmocker, die seit einem halben Jahr im Altersheim St. Urban wohnt, hat sich aus eigenen Stücken entschlossen, ihre Wohnung gegen ein Zimmer im Altersheim einzutauschen: «Ich habe selbst meinen Mann und verschiedene Angehörige gepflegt, ich weiss, was das heisst und ich wollte es meinen Kindern nicht zumuten.» Dass die Selbstbestimmung am Lebensende nach wie vor ein grosses Tabuthema ist, verdeutlichte Marlisa Schmocker aber auch: «Es wird auch im Altersheim nicht über das Sterben geredet. Man weiss vielleicht voneinander, wer eine Patientenverfügung hat, aber mehr nicht.»

 

Reden über das Tabu Sterben
Dabei sei es zentral, über das Sterben und was einem persönlich am Lebensende wichtig sei, zu sprechen, forderte Franziska Trüb Gaja, die die Pflege am Zentrum für Palliativmedizin am Kantonsspital Winterthur leitet: Ob beispielsweise eine Chemo- oder andere Therapie durchgeführt werde und was das für die Lebensqualität heisse, werde heute mit den Patientinnen und Patienten und ihren Angehörigen diskutiert. Oft würden nicht besprochene Grundsätze, unausgesprochene Ängste, ungeklärte Fragen, ungelöste Konflikte solche Roundtable-Gespräche erschweren. «Wenn jemand stirbt, wurde in rund fünfzig Prozent aller Fälle ein bewusster Entscheid gefällt», erklärte auch die Psychiaterin Dr. Bernadette Ruhwinkel. Eine Patientenverfügung leiste deshalb wichtige erste Klärungsarbeit «Erste» war hier ein wichtiges Stichwort: Viele spirituelle, psychosoziale und medizinische Aspekte rund um das Lebensende konnten an der Veranstaltung nur angetippt werden. Einer Vertiefung, speziell auch der spirituellen Aspekte, kann sich die Katholische Kirche in Winterthur durchaus noch annehmen.

Wollen Sie sterben?
Will ich sterben?
Wollen?!
Nein, ich will nicht, zumindest nicht jetzt, sterben.
Müssen Sie, muss ich sterben?
Natürlich müssen wir sterben.
Müssen?!

Nicht wollen, sondern müssen. In diesem Spannungsfeld bewegen sich viele Fragen, Ängste, Erwartungen und Hoffnungen, wenn ich und wahrscheinlich auch Sie ans Älterwerden und ans Sterben denken. Einige der grössten Errungenschaften in unserer Gesellschaft sind für die meisten Menschen Selbständigkeit, Kontrolle und Einfluss in allen Lebensbereichen. Gleichzeitig gibt es auch den gesellschaftlichen Druck, leistungsfähig zu sein und für sich selbst zu sorgen. Mit dem Älterwerden ist jedoch ein zunehmender Verlust von Autonomie und Selbständigkeit verbunden: nicht selber können, nicht wollen dürfen, sondern müssen müssen! Wir müssen Falten bekommen, Krankheiten aushalten, die Erwerbstätigkeit aufgeben, immobil werden, das Sterben von Angehörigen und Freunden ertragen und zunehmend die Hilfe und Unterstützung von anderen Menschen annehmen.

Halt!

Wenn Sie den bis jetzt geschriebenen Text lesen, könnten Sie den Eindruck bekommen, Älterwerden sei nur mit negativen Erlebnissen verbunden. Älterwerden und Sterben seien gleich bedeutend mit Warten auf den Tod! Nein, natürlich nicht! Älterwerden hat auch viele freudige und positive Seiten.
Aber wie könnte das gehen, dass beim Älterwerden die negativen und positiven Aspekte in Balance sein können? Dass Älter werden nicht «Warten auf den Tod», sondern Leben, möglichst «erfülltes Leben bis zum Tod», bedeutet?

Auf diese und weitere Fragen versucht eine Veranstaltung mit dem, vielleicht provokanten, Titel «Erfolgreich alt werden – erfolgreich sterben!? Wie alt werden geht.» Antworten zu finden. Zuerst werden verschiedene Fachleute auf einem Podium miteinander diskutieren, anschliessend können Sie an Workshops zu verschiedenen Themen teilnehmen. Der Anlass findet am Samstag, 30.Mai im Pfarreizentrum St. Urban von 14.15 – 20.30 Uhr statt. Er wird von der Katholischen Kirche in Winterthur organisiert und ist kostenlos. Weitere Informationen finden Sie auf www.kath-winterthur.ch.

 

Am 14. Juni 2015 entscheidet das Zürcher Stimmvolk über die Zukunft der Härtefallkommission. Eine Volksinitiative der SVP fordert ihre Abschaffung. Die Reformierte und die Katholische Kirche im Kanton Zürich lehnen die Initiative ab und setzen sich für die Beibehaltung der Härtefallkommission ein.

Die beiden Kirchen sind überzeugt, dass die Härtefallkommission dazu beiträgt, die humanitäre Tradition der Schweiz aufrechtzuerhalten bzw. ihre Glaubwürdigkeit zu stärken. Eine Aufhebung der Kommission würde in Zeiten der zunehmenden globalen Flüchtlingsströme als Zeichen gedeutet, diese Tradition und die mit ihr verbundenen christlichen Werte zu schwächen und zu untergraben. Eine Migrationspolitik, die dem christlichen Menschenbild verpflichtet ist und die Würde des Einzelnen achtet, ist bestrebt, jedem Individuum Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Kommission fällt keine Entscheide
Die Zürcher Härtefallkommission wurde 2009 vom Regierungsrat eingesetzt. Im Nachgang zur Besetzung der Predigerkirche in Zürich 2008/2009 hatte sich der Kirchenrat der reformierten Landeskirche für die Bildung der Kommission engagiert. Sie besteht aus neun Mitgliedern  und begutachtet Härtefallgesuche von abgewiesenen Asylbewerberinnen und -bewerbern («Sans Papiers»), welche die Schweiz aufgrund eines abschlägigen Entscheids verlassen müssen. Die Kommission fällt allerdings selber keine Entscheide, sondern gibt lediglich eine Empfehlung gegenüber dem Sicherheitsdirektor ab.

Keine Opposition zum Migrationsamt
Die Härtefallkommission hat in der Zeit ihres Bestehens gute Arbeit geleistet. Und sie hat bewiesen, dass sie gegenüber dem Migrationsamt, das die Härtefallgesuche zuerst prüft, weder ein «Abnicker-Gremium» ist noch eine Instanz, die aus politischen Motiven in permanenter Opposition verharrt. In den seit Bestehen der Kommission beurteilten rund 240 Fällen (2014: 26) hat die Kommission die negative Empfehlung des Migrationsamts mehrheitlich bestätigt Nur in durchschnittlich einem von sechs Fällen kam sie entgegen der Einschätzung des Amtes zur einer positiven Empfehlung. Aufgrund dieser Zurückhaltung besteht kein Grund zur Befürchtung, aufgrund der Kommission würden Hunderte von abgewiesenen Asylsuchenden in der Schweiz bleiben.

«Mehraugenprinzip» bewährt sich
Eine gesetzliche Norm, die eine Vielzahl von Fällen erfassen muss, kann dem einzelnen Fall nie gerecht werden. Es entspricht daher dem Gebot der Billigkeit, den Besonderheiten Rechnung zu tragen, die für die Bewertung einer einzelnen Situation wesentlich sind. Es versteht sich dabei von selber, dass die Berücksichtigung von Aspekten wie Zumutbarkeit oder Verhältnismässigkeit eine Frage des Abwägens ist. Ob es sich im Einzelfall um einen Härtefall handelt oder nicht, liegt also im Ermessen der beurteilenden Instanz. Für die Betroffenen sind solche Entscheide jedoch von existenzieller Tragweite. Umso wichtiger ist daher, dass die einzelnen Fälle sorgfältig und umfassend beurteilt werden und dass dafür trotz des Anspruchs auf Effizienz der nötige zeitliche Rahmen zur Verfügung steht. Dem Migrationsamt, das gute Arbeit leistet, ist weder das eine noch das andere abzusprechen. Aufgrund der möglicherweise gravierenden Folgen eines (Fehl-)Entscheids und der damit verbundenen Verantwortung ist es jedoch mehr als gerechtfertigt, in diesem Bereich auf das «Mehraugenprinzip» zu setzen. Besonders sensibel sind Fälle, in die Kinder involviert sind. Die Härtefallkommission hat deshalb ein besonderes Augenmerk auf die Situation von eingeschulten Kinder von «Sans Papiers».

Vermeiden von Ungerechtigkeit und Willkür
Die Mitglieder der Härtefallkommission stammen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, sind mit dem Migrations- und Asylwesen vertraut oder verfügen über eine juristische Ausbildung. Sie vertreten u.a. kirchliche Körperschaften und Hilfswerke, stehen jedoch in keinem Zusammenhang mit den Rechtsvertretungen von Asylsuchenden. Die unterschiedliche berufliche Herkunft und die zeitlichen Ressourcen ermöglichen es, einen Einzelfall umfassend, d.h. in Würdigung aller relevanten Umstände adäquat zu beurteilen. Eine Empfehlung der Härtefallkommission gewährleistet somit, dass alles Erdenkliche berücksichtigt und bedacht wurde, um einem einzelnen Schicksal gerecht zu werden bzw. Ungerechtigkeit und Willkür zu vermeiden.

Vertrauen der Zürcher Bevölkerung gestärkt
Es ist diese umfassende und unabhängige Beurteilung, die das Vertrauen der Zürcher Bevölkerung in die Umsetzung des Asylrechts bzw. in die entsprechende Praxis gestärkt hat. Dass die Härtefallkommission daran erheblichen Anteil hat, zeigt sich schon dadurch, dass sich die Diskussionen rund um die «Sans Papiers» seit ihrer Einsetzung beruhigt und versachlicht haben. Es ist mutwillig, diese positive Entwicklung ohne ersichtliche Notwendigkeit aufs Spiel zu setzen. Regierungsrat und Kantonsrat lehnen die Initiative daher ebenfalls ab.

www.haertefallinitiative-nein.ch

Autoren: Nicolas Mori, Leiter Kommunikation Reformierte Kirche Kanton Zürich, und Aschi Rutz, Bereichsleiter Kommunikation des Synodalrats der Katholischen Kirche im Kanton Zürich.

Im Rahmen meiner freiwilligen Arbeit als “Sitzwache” im Kantonsspital winterthur werde ich hie und da auf die Palliativstation, im Pavillon, aufgeboten. Mein Einsatz unterscheidet sich kaum von denen auf einer “gewöhnlichen“ Abteilung. Menschen, die keine Angehörigen haben, die nachts bei ihnen sein können, Menschen, die verwirrt oder sturzgefährdet sind, die Angst haben vor dem Alleinsein brauchen in der Nacht jemanden, der bei ihnen am Bett “sitzt”, bei ihnen wacht und für sie Zeit hat mit ihnen zu plaudern, wenn sie nicht schlafen können, der ihnen ein Glas Wasser reicht, wenn es für sie zu beschwerlich ist, selber zu trinken.

Auf dieser Station kommt hinzu, dass Menschen hier meist über längere Zeit bleiben müssen, möglicherweise die letzte Zeit ihres Lebens hier verbringen. Ich nehme hier eine besonders liebevolle Pflege wahr, spüre eine spezielle Atmosphäre, eben eher familiär als spitalmässig, selbst als Aussenstehende. In dieser Nacht ziehe ich auch keine “Spitalkleidung” an, wie auf andern Abteilungen.

Nächtliche Gespräche
Es gibt auf der Palliativstation einen Aufenthaltsraum mit modernem Sofa, Esstisch, Kaffeemaschine, Tageszeitung, Büchern, Fernseher und “Kunst” an den Wänden. Die Patienten bewegen sich hier fast wie zu Hause. Eine Patientin erzählt mir, dass sie wütend ist auf ihre Angehörigen, die veranlassten, dass sie nach einem Herzstillstand wiederbelebt wurde, wo sie doch einen Hirntumor hat, der nicht mehr heilbar ist. Für sie besteht die grösste “Lebensqualität” hier darin, dass sie keine Schmerzen haben muss. Viel lieber wäre sie doch einfach eingeschlafen. Wir sprechen in dieser Nacht von ihrem Dorf, wo sie aufgewachsen ist, von ihrem erlernten Beruf, worauf sie so stolz ist, weil es früher nicht selbstverständlich war, dass jedes den Traumberuf wählen konnte. Wir sprechen aber auch von ihrer Angst, allein zu sterben.

Stille Begleitung
weitnach Mitternacht wird die Patientin doch endlich müde. Sie bleibt mir die Antwort auf meinen lezten Satz schuldig. Sie ist eingeschlafen. Ich begleite sie mit guten Gedanken in den Schlaf. Einige Stunden schläft sie ruhig und ich lese auf meinem E- Reader, trinke einen Kaffee, um wach zu bleiben. Als sie wieder aufwacht, schaut sie ängstlich um sich. “Ich bleibe die ganze Nacht bei Ihnen”, beruhige ich sie. Sie trinkt noch einen Schluck Wasser und schläft friedlich bis am Morgen. Um sieben Uhr verabschiede ich mich von ihr, obwohl sie noch schläft. Sie macht kurz die Augen auf, flüstert “danke” und lächelt mich an.
das entschädigt mich mehr als genug für die durchgewachte Nacht.

Beatrice Infanger-Strässle ist Co-Präsidentin des Pfarreirats St. Urban und macht als freiwillig Tätige Sitzwachen im Kantonsspital Winterthur

Am Dienstag, 5. Mai, hat der Winterthurer Jugendregionalseelsorger Oliver Sittel im Vatikan offiziell seinen soeben erschienenen Fotoband über die Päpstliche Schweizergarde dem neuen Kommandanten Christoph Graf überreicht. Der Theologe Oliver Sittel beschäftigt sich seit Jahren mit der Garde – und mit Fotografie. Das Werk vermittelt einen unmittelbaren Zugang zu einer für viele faszinierenden Welt.

Der 41-jährige Oliver Sittel hatte als Jugendlicher einen Traum: Er wollte Mitglied der Päpstlichen Schweizergarde in Rom werden. Seit er in seiner Kindheit Bilder der Gardisten in ihren farbigen Uniformen und mit Hellebarde ausgerüstet gesehen hatte, war für ihn klar: Das will ich auch.

Zuerst kein Hereinkommen
Doch der Pfarrer seiner Heimatpfarrei Mariä Himmelfahrt/Obermoschel in der Pfalz musste ihn enttäuschen. In der Schweizergarde können nur Schweizer dienen. Oliver Sittel nahm es zur Kenntnis. Er ging seinen Weg weiter, das hiess Theologiestudium, Engagement in Pfarrei und Jugendarbeit. Die Garde behielt er im Kopf.
Vor zehn Jahren zog der Deutsche in die Schweiz und wurde 2007 Jugendseelsorger in Winterthur. Bei verschiedenen Begegnungen kam Sittel auch in der Schweiz immer wieder mit Mitgliedern der Garde oder Ex-Gardisten ins Gespräch. «Warum machst du nicht ein Buch über uns?», setzt ihm einmal einer einen Floh ins Ohr. – Und da hockte dieser Floh, bis sich Oliver Sittel daran machte, einen Herausgeber für dieses Unterfangen zu finden, den er mit dem Theologischen Verlag Zürich (TVZ) fand.
Auf Reisen hatte Sittel die Ewige Stadt schon kennengelernt. Als passionierter Fotograf hat er dabei selbstverständlich Gardisten fotografiert und gesehen, dass die Hellebardiere an den Eingängen zum Vatikan das Fotosujet zahlreicher Touristen sind. Dann bewarb er sich um eine Akkreditierung bei der Garde als Fotograf für ein Buch, das in seinem Kopf langsam Gestalt annahm – und erhielt eine Zusage. Und damit erfüllte sich ein Vierteljahrhundert nach der ernüchternden Erkenntnis, nicht in der Schweizergarde dienen zu können, doch noch der Wunsch, diese besondere Welt kennenzulernen.
Bilder, die Geschichten erzählen

Alltag der Schweizergarde dokumentiert
Entstanden ist eine sehr ansprechende Fotodokumentation. Es ist keine bebilderte Geschichte der Garde. Das Buch kommt beinahe ohne Text aus. «Meine Bilder sollen Geschichten erzählten», sagt Sittel. Die kurzen Bildlegenden zu den Fotos unterstreichen diese Haltung. Die Leser, oder vielmehr die Betrachter, können und sollen Worte zu den Bildern selber anfügen.
Oliver Sittel hatte die Möglichkeit, in die innersten Räume der Schweizergarde zu treten und den Alltag der Gardisten zu dokumentieren. Er hat dies mit Respekt vor einer Institution gemacht, die sowohl für den Vatikan wie für die Schweiz ein Aushängeschild erster Klasse ist. Dabei hat der fotografierende Theologe auch ein Element der katholischen Kirche dokumentiert: Denn die Garde ist dort, wo der Papst ist. So gibt Sittel den Blick frei auf innervatikanisches Geschehen aus ungewohnter Optik: der der Garde, die für die Sicherheit des Papstes, nicht für Fragen von Theologie zuständig ist.
Die grosszügige und solide Gestaltung durch den TVZ macht die Publikation zu einem Augenschmaus, mit dem sich nicht nur Verehrer der Schweizergarde gerne verweilen werden. Dass die Texte im Buch sowohl auf Deutsch wie auf Englisch gehalten sind, erweitert den Leserkreis um ein Vielfaches.

Text zur Verfügung gestellt von kath.ch, Martin Spilker

«Kann man Erstkommunion auch alleine zu Hause machen», frage ich in einer Religionsstunde? «Nein», ruft einer der Buben sofort, «sonst würde ja keiner zuschauen»!

Im Jahr 2015 sind es wieder mehr als dreissig Drittklässler, die in unserer Pfarrei die Erstkommunion empfangen werden. Die Kinder kommen aus sieben verschiedenen Schulhäusern. Wie jedes Jahr eine bunte Schar.

Wir versuchen, die Kinder in unseren Erstkommunionvorbereitung immer wieder spüren zu lassen, dass Gott es ist, der zum Mahl versammelt. Mit seinem Sohn Jesus sind wir zur Tischgemeinschaft eingeladen. Jedes der Kinder darf kommen und sein wie es ist, in aller Farbigkeit, als Geschöpf Gottes! Dies versuchen wir an verschiedenen Anlässen, die zur Erstkommunionvorbereitung gehören, miteinander auch zu erleben:

Zur Messerklärung sind auch die Familien der Erstkommunionkinder eingeladen. Der Pfarrer erklärt während dem Feiern die Sätze und Elemente aus unserem Gottesdienstablauf. Am Erlebnismorgen bereiten wir unser gemeinsames Erstkommunionsfest in verschiedenen Ateliers vor. Wir beschliessen jeweils den Morgen mit einer «Teilete», zu der alle Eltern etwas zum Essen mitbringen. Dieses reiche Buffet geniessen wir dann gemeinsam.

Wir erleben zusammen auch Liederproben, weil gemeinsames Singen bereichert. Eines unserer Lehrmittel für die Erstkommunion heisst: «Gott lädt uns alle ein». Das Buch gibt viele Anregungen zu biblischen Geschichten, zu erfahrungsbezogenem Zugang zum Glauben und zum Kennenlernen von Elementen aus dem Gottesdienst, wenn wir unseren Glauben feiern. Jesus hat über alle Grenzen hinweg mit Menschen das Brot geteilt. In Gemeinschaft das Brot zu teilen kann ein Mehrwert sein.

So denke ich, dass das Erlebnis der Erstkommunion im besten Fall für Kinder wie auch für Erwachsene eine Erfahrung sein könnte, tragende Gemeinschaft zu spüren.

Es ist eindrücklich, wenn die Kinder beim Erstkommuniongottesdienst in die übervolle Kirche einziehen, wo all ihre Familien, Verwandten und Bekannten mitfeiern. Das erste Teilnehmen an der Kommunion wird so gefeiert, dass der Gottesdienst von allen Kindern mitgetragen wird. Musik und Lieder verschönern das Fest.
Ja, man könnte wohl zu Hause Erstkommunion feiern, aber das Fest der Gemeinschaft, eines der zentralen Elemente würde schlicht fehlen.

 

Unser diesjähriges Erstkommunionsthema heisst: Du (Gott) bist da, wo Menschen singen. Zu diesem Text gibt es ein Lied, bei dem man den Schluss der Strophen selber abändern kann: …wo Menschen lieben, …wo Menschen leiden, …wo Menschen feiern usw.

Wir haben mit Jesus eine lebenslange Begleitung. Einer, der nicht nur zuschaut, sondern der mittendrin mit uns ist und feiert! Ob es diese Ahnung von göttlicher Begleitung oder ob es das Gemeinschaftserlebnis ist, warum immer noch viele Eltern ihre Kinder Erstkommunion erleben lassen?

 

Marianne Roselip ist Katechetin in der katholischen Pfarrei St. Peter und Paul.

 

Wenn wir die Lage der Kirchen in der aktuellen Gesellschaftssituation charakterisieren wollen, kommen wir nicht um die Einsicht herum, dass wir Menschen heute zutiefst von einer ständig sich steigernden Konsumkultur geprägt sind. Das hat es in der ganzen Weltgeschichte noch nie gegeben: dass nicht Mangel, sondern seit Jahrzehnten anhaltend und immer noch zunehmend Überfluss an verfügbaren materiellen Gütern besteht. Wir leben sozusagen in einem riesigen Supermarkt, in dem wir alles, was unser Herz begehrt (und noch viel mehr), dauernd gegen Geld erwerben können. Mit den Augen der Zeitgenossen betrachtet, gehören auch die Kirchen zu den Dienstleistungsanbietern, bei denen man die gewünschten «Produkte» einkauft und gleichsam in den seelischen Warenkorb legt. Die Mehrheit sieht in uns heutzutage nicht Glaubensgemeinschaften, sondern religiöse Service-Stationen.
Als ich im vergangenen Jahr angefragt wurde, ob ich zweimal an einem Tagen bei Angestellten der Allianzversicherung in Berlin und Hannover beschreiben könnte, wie wir als Kirche «Kundennähe» herstellen, fand ich diese Aufgabenstellung zunächst schon etwas befremdlich. Doch eigentlich entspricht sie einfach einer marktwirtschaftlich orientierten Sicht. Ich entschied mich, diese Herausforderung anzunehmen.

Mein Vortrag begann damit, dass ich die fünf meistgefragten kirchlichen Produkte vorstellte (in meiner katholisch geprägten, subjektiv geordneten Reihenfolge):
1.) Weihnachten
2.) Beerdigungen
3.) Erstkommunion
4.) Taufe
5.) Hochzeit
Anschliessend sollte jede und jeder erzählen, bei welcher Gelegenheit sie oder er zum letzten Mal einem Live-Pfarrer begegnet ist. Natürlich haben sich die hier aufgezählten fünf kirchlichen «Verkaufsschlager» als die häufigsten Berührungspunkte mit Profi-Kirchenleuten erwiesen.
Es wurden lebendige Runden, diese jeweils anderthalb Stunden Austausch mit den Business-Leuten der Versicherung. Ein leitender Angestellter hatte mich vor Beginn gefragt, was mein Ziel sei. Spasseshalber hatte ich geantwortet: «Missionieren!» Er liess sofort den geistigen Rolladen herunter und entgegnete: «Das wird Ihnen bei mir nicht gelingen!» Am Schluss gestand er anerkennend: «Ich habe noch nie in meinem Leben einem Pfarrer so lange interessiert zugehört.»

Selbstverständlich bin ich sehr froh und darauf angewiesen, dass es auch Menschen gibt, die sich zur Glaubensgemeinschaft der Kirche zugehörig fühlen, die sich nicht als Kunden, sondern als verbindliche Mitglieder verstehen, die sogar zu persönlichem Engagement bereit sind. Nur dank dieser echten Kerngemeinde wird es möglich, der konsumierenden Mehrheit religiöse Dienstleistungen anzubieten. Was mich darin bestärkt, auch den blossen «Einkaufstouristen» im kirchlichen Supermarkt positiv entgegenzukommen (und sie nicht abwertend zu betrachten), ist die Überzeugung, dass Kirchen-Distanz nicht mit Gott-Distanz gleichzusetzen ist. Wem die religiöse Praxis fremd ist, der ist deswegen nicht fern vom Geheimnis, das wir Gott nennen. Darum begegne ich auch den Kunden zuvorkommend.

Hugo Gehring ist Pfarrer in der katholischen Pfarrei St. Peter und Paul und Dekan des Dekanats Winterthur.

„Erfolgreich alt werden – erfolgreich sterben!? Wie alt werden geht.“- so heisst die Veranstaltung, die am 30. Mai 2015 ab 14.15 Uhr im Pfarreizentrum St. Urban stattfindet. An einer Podiumsdiskussion, in Workshops, mit einem Gottesdienst und zum Abschluss mit einem Apéro soll der Themenbereich Altwerden – Längerleben – Sterben aus verschiedenen Perspektiven diskutiert werden. Das „Info-Blatt“ der Seemer Pfarrei St. Urban nimmt die Thematik in seiner Ausgabe Nr. 144/März 2015 auf, unter anderem in diesem Interview mit einem Pfarreimitglied, dessen Mutter ihrem Leben mit Hilfe einer Sterbehilfeorganisation aus dem Leben schied.

 

Wir durften uns zusammen mit Margrit (54, Name geändert) an die Zeit rund um den Freitod ihrer Mutter (77) erinnern. Diese war über sechzehn Jahre an den Nieren erkrankt. Zuerst war sie an der Dialyse und die letzten acht Jahre hatte sie ein transplantiertes Organ. Sie bekam immer mehr Komplikationen. Es entwickelte sich ein Hautkrebs sowie eine Muskel-Nervenkrankheit, dazu hatte sie aufgrund ihrer alten Niere eine chronische Blasenentzündung zusätzlich zu den starken Nebenwirkungen der vielen Medikamente. Die Ärzte konnten ihr nicht mehr helfen.
Hat dich deine Mutter in den Entscheid, ihrem Leben selber ein Ende zu setzen, einbezogen?
Meine Eltern haben dies zusammen beschlossen, nachdem sie einen Zeitungsartikel gelesen und die Dienstagssendung „der Club“ im Fernsehen gesehen hatten.

Wie lange vor dem Sterben wurde der Entscheid gefällt?
Relativ kurzfristig, sechs Monate im Voraus. Mein Vater informierte mich und fragte, ob ich diesem Entscheid positiv gegenüber stehen könne.

Was für Gefühle und Gedankenhat dies bei dir ausgelöst?
Dieser Entscheid hat mich in ein Wechselbad der Gefühle gestürzt. Was kommt da auf mich zu? Muss ich dabei sein? Muss ich diese Entscheidung gutheissen? Muss ich dabei irgendwie behilflich sein? Ich war sehr verwirrt und konnte meine Gedanken nicht richtig ordnen. Über Wochen war ich nicht in der Lage, mit meiner Familie, das heisst meinem Mann und den Söhnen, darüber zu reden. Es gelang mir nicht, es richtig zu erfassen und zu verarbeiten.

War diese Sterbehilfe innerhalb der Familie/Verwandtschaft ein Gesprächsthema?
Meine Mutter hatte jahrelang gegen die Krankheit gekämpft und immer Pläne gemacht, was sie noch alles erleben möchte. Aber nach ihrem Entscheid hatte sie oft das Bedürfnis, darüber zu reden und ihren Schritt zu begründen. Sie versuchte, ihre engsten Freunde und die Familie davon zu überzeugen, dass ihre Lösung für alle das Beste sei. Vermutlich brauchte sie aber auch für sich selber die Gewissheit, das Richtige gewählt zu haben. Es war belastend, dass dieses Thema auf einmal so viel Raum einnahm. Um mit dem eigenen Leben abzuschliessen, hat meine Mutter ihren Lebenslauf selber verfasst. Zudem war meine Mutter religiös und wollte unbedingt mit Gott ins Reine kommen und sich von ihm verstanden und angenommen fühlen.

Gab es regelmässigen Kontakt zur Sterbehilfsorganisation?
Ab Beginn der Mitgliedschaft wurde meine Mutter regelmässig vom Sterbebegleiter besucht. Er gab ihr auf alle Fragen Antwort und informierte sie über den Ablauf. So konnte sie Vertrauen zu ihm fassen. Sie durfte ihn auch jederzeit anrufen, wenn sie etwas wissen wollte.

Wie verliefen die Vorbereitung und die Begleitung in den Tod organisatorisch?
Um mit der Sterbehilfeorganisation aus dem Leben zu scheiden, braucht es eine medizinische Indikation. Dazu benötigt man einen ausführlichen Arztbericht, in dem die ganze Krankengeschichte steht und wo auch dargelegt wird, dass die Heilungschancen aussichtslos sind.
Ganz wichtig ist auch, dass man im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist. Und man muss in der Lage sein, das Sterbemittel selber einzunehmen oder die Injektion selber auszulösen. Der verantwortliche Arzt der Sterbehilfeorganisation will, wenn immer möglich, mit dem behandelnden Arzt zusammen arbeiten. Darum wurde der Hausarzt ins Vertrauen gezogen, was aber nicht immer einfach ist, weil Ärzte ja normalerweise die Sterbehilfe ablehnen. Mit aktiver Sterbehilfe aus dem Leben zu scheiden, bedeutet viel Aufwand für die Sterbewilligen und ihre Angehörigen. Es gehört viel reifliche Überlegung und Verarbeitung dazu. Wer dies als gesunder Mensch im Voraus plant, hat es natürlich leichter. Wenn man schon krank ist und einem nicht mehr viel Zeit bleibt, kann dabei psychischer Stress entstehen. Das Sterben selbst geschieht immer mit dem Sterbebegleiter und einem oder mehreren Angehörigen. Die sterbende Person ist, auch aus rechtlichen Gründen, immer von mindestens zwei Personen umgeben.

Was passierte mit dir auf diesem Stück Weg, wie konntest Du diese Zeit gefühlsmässig bewältigen?
Wie gesagt,  ich hatte von Anfang an Mühe, mich darauf einzulassen, sah aber, dass es für meine Mutter das Beste war. Ihr konnte medizinisch nicht mehr geholfen werden und an Nierenversagen zu sterben, ist kein schönes Los. Leider erkrankte mein Vater an Krebs, während meine Mutter auf diesem Sterbeweg war. Dies war dann eine gewaltige Überforderung. Es ging dann nur noch darum zu funktionieren. Die Familie, die Arbeit, die Besuche beim Vater im Spital, die Besuche bei der Mutter zu Hause, all das musste unter einen Hut, in einen Tag gepackt werden. Viel Raum für Gefühle und Reflektionen blieb da nicht mehr.

Welche Erinnerungen sind für dich im Nachhinein immer noch belastend?
Sterbehilfe ist Suizid nach unserer Gesetzgebung. Die Sterbehilfeorganisation organisierte das Aufbieten von Polizei und Bezirksarzt, damit die Todesart zweifelsfrei festgestellt werden konnte. Leider waren die zwei Polizisten nicht sehr sensibel und machten unpassende Bemerkungen. Das hat mich verletzt und es war in meinem Fall doppelt schlimm, weil mein Vater zu dieser Zeit sterbend im Spital lag.

Welche positiven Gefühle sind dir geblieben?
Meine Mutter hatte acht Jahre Dialyse und nochmals solange die Nebenwirkungen der starken Medikamente wegen der Transplantation zu ertragen. Dann kamen noch die zusätzlichen Krankheiten, welche sich nach und nach einstellten dazu. So war es für mich ein beruhigendes Gefühl, dass sie sanft entschlafen durfte.

Wir danken dir für das offene Gespräch und diesen Einblick in einen sehr schwierigen Moment in deinem Leben.

Zur Diskussion um die kirchliche Feier für ein Zwei-Frauen-Paar

„Müssten wir Priester, die schon mal ein gleichgeschlechtliches Paar getraut haben (ich bin so einer), uns nicht mit Wendelin Bucheli solidarisieren?“, fragt mich ein Pfarrerkollege per Mail zum Streitfall betreffend den Pfarrer von Bürglen, der den Lebensbund zweier Frauen gesegnet hat und nun vom Bischof von Chur zur Demission aufgefordert wird. Ich muss ihm zurückschreiben: „Mit der Solidarisierung bin ich grundsätzlich einverstanden. Ich bin allerdings noch nie von einem gleichgeschlechtlichen Paar angefragt worden, habe es also noch nie getan. Muss ich mich deswegen ein wenig schämen?“

Auch wenn ich „so etwas“ noch nie getan habe, habe ich mir natürlich meine Gedanken dazu gemacht. Segnen darf ich als kirchlicher Amtsträger nur das, was gesegnet ist. Segen ist keine Magie, die ein Gottesmann ausspricht und so den himmlischen Beistand herbeizaubert. Segen macht ausdrücklich, was da ist. Taufeltern werden gesegnet, weil in einer Familie, in der Leben aufwachsen darf, Segen wirksam ist. Ein Brautpaar wird gesegnet, weil zwei Menschen, die der Absicht nach unbedingt und unbegrenzt zueinander ja sagen, damit einen heiligen Akt begehen und zu diesem Segen gehört.

Trifft das nur auf ein Mann-Frau-Paar zu? Eigentlich leuchtet mir das nicht ein. Mit dem unbedingten und unbegrenzten Ja der Liebe berühren sich Himmel und Erde meines Erachtens unabhängig davon, ob sich dies zwei Menschen gleichen oder verschiedenen Geschlechts versprechen. Damit ist für mich im Grunde auch die Voraussetzung zu einer berechtigten Segnung in beiden Fällen gegeben. Ich verstehe jedoch, dass mit Lebensbund eines heterosexuellen Paares die Möglichkeit der Lebensweitergabe verbunden ist und dass daher der Segen für diese Vereinigung irgendwie noch „umfassender“ verstanden werden darf. Aber das ist meiner Ansicht nach keine Ursache, dem gleichgeschlechtlichen Liebes-Ja mit unbedingtem und unbegrenztem Charakter den Segen prinzipiell abzusprechen bzw. vorzuenthalten.

Doch als Amtsträger einer weltumspannenden Grosskirche bin ich an ihre Regeln gebunden. Ich kann als solcher nicht einfach beliebig machen, was meinem privaten Geschmack entspricht. Allerdings gibt es Situationen, in denen – gut biblisch – das Gesetz für den Menschen da ist und nicht der Mensch für das Gesetz. Als in den 50er Jahre mutige katholische Priester begonnen haben, auch Menschen, die durch Suizid aus dem Leben geschieden sind, kirchlich zu beerdigen, obwohl dies das geltende Kirchenrecht nicht erlaubt hat, haben sie den Angehörigen und Verstorbenen damit einen christlichen Liebesdienst erwiesen. Sie haben argumentiert, dass Depression eine psychische Krankheit ist und somit eine Krankheit die Todesursache darstellt. Heute gibt ihnen jeder Recht, und ihr damals abweichendes Verhalten ist Gott sei Dank gängige und legitime katholisch-kirchliche Praxis geworden. Ich frage mich, ob ein solcher Wandel nicht auch im Fall der Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren im Raum der katholischen Kirche denkbar ist.

Hugo Gehring ist Dekan des Dekanats Winterthur und Pfarrer in St. Peter und Paul
Dieser Text ist erstmals in der Winterthurer Wandzeitung erschienen.