Einkaufszentrum Rosenberg in Winterthur: Es herrscht reger Betrieb, die Einkaufswagen sind voll, lange „Poschtilisten“ werden abgearbeitet. Für die Liste von Margot Meyer ist kein Papier nötig: „14 Uhr, Zeit-Punkt“. Wie jeden Donnerstagnachmittag nimmt die 86-Jährige die Rolltreppe ins Obergeschoss. An einem langen Tisch in der Kaffeebar „coffeebox“ sitzen schon knapp 20 weitere Frauen und Männer zusammen. Die Löffel klingeln in den Kaffeetassen und Teegläsern; Gespräche, Witze, Begrüssungen tönen kreuz und quer durch die Sitzordnung.

Begegnungen statt Konsum

Die reformierte Sozialdiakonin Ruth Hess muss das Gespräch nicht moderieren. Seit knapp drei Jahren gibt es den „Zeit-Punkt“ im Einkaufszentrum Rosenberg, den Treffpunkt für Menschen im Quartier, die hier nicht Waren konsumieren, sondern Begegnungen erleben möchten. Zwischen zehn und 20 Menschen meist ab 50 treffen sich am Donnerstagnachmittag, „Anfangs habe ich dem Gespräch einige Impulse gegeben, doch mittlerweile kennen sich viele Zeit-Punkt-Teilnehmende schon und haben ihre Themen“, erklärt die pfarreiliche Mitarbeiterin, die für die Sozialarbeit zuständig ist.

Ansatzpunkt für Nachbarschaftshilfe

Inzwischen hätten sich die Zeit-Punkt-Frauen und Männer bereits vernetzt und pflegten auch die Nachbarschaftshilfe: Sie unterstützen einander beispielsweise mit Musterbriefen in Mietangelegenheiten. Viele von ihnen wohnen seit Jahrzehnten im Quartier, wie zum Beispiel die 83-jährige Alice Meili, die nach ihrer Pensionierung gezielt Kontakt suchte. Andere wie Bruno Müggler sind in die Neubauwohnungen im Zentrum Rosenberg gezogen und möchten sich hier einen Bekanntenkreis aufbauen.

Ökumenische Zusammenarbeit

Den Zeit-Punkt hat die Sozialdiakonin Ruth Hess zusammen mit ihrer Kollegin Monika Müller-Schmid und mit der Gemeindeleiterin Zita Haselbach von der direkt beim Zentrum gelegenen katholischen Pfarrei St. Ulrich bewusst geschaffen. Dem Umbau des Einkaufszentrums war das Restaurant Cindy zum Opfer gefallen, das nicht nur Pizza vom Kartonteller, sondern auch einen Begegnungsort während sieben Tagen pro Woche angeboten hatte, erklärt Ruth Neff. Die katholische und reformierte Pfarrei waren sich deshalb schnell einig, dass im Rosenbergquartier wieder ein Treffpunkt geschaffen werden sollte. Als in der Ökumene geübte Pfarreien war ebenso klar, dass sie dieses Projekt zusammen aufziehen und betreiben würden.

Kirche, die zu den Menschen geht

„Und wir beschlossen, dass hier die Kirche zu den Menschen gehen muss und nicht warten, bis diese kommen“, sagt auch Monika Schmid, Sozialarbeiterin in St. Ulrich. Ein funktionierendes Miteinander im Quartier, in dem sich auch ältere und nicht mehr mobile Menschen zugehörig und aufgehoben fühlen sollen, ist den beiden Pfarreien ein wichtiges Anliegen. Und so ist, was als unspektakulärer Kaffeehöck daherkommt, Teil des Engagements der katholischen und reformierten Kirche für die ganze Gesellschaft.

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