Der Alltag steht nicht in bestem Ruf. Nicht umsonst reden wir vom grauen Alltag. In vielen Agenden sind die Werktage in schwarzer Schrift gehalten und nur die Sonn- und Feiertage rot herausgehoben. Die Botschaft scheint klar: Diese, die rot markierten, sind die herausragenden Tage – die andern sind zu bestehen, manchmal mit letzter Kraft zu überstehen.
Es gibt auch immer so viel zu erledigen. Und vor allem: Es hört nie auf. Denn des Erledigens ist kein Ende. So nützt die meist praktizierte Strategie, alles noch schneller zu erledigen, überhaupt nichts. Das ganze Leben wird so nur noch mehr zu einer Angelegenheit, die ich – möglichst schnell – erledige, um dann, selber erledigt, zum Eigentlichen zu kommen. Doch, was ist eigentlich?

Der Alltag hat Potenzial
Nichts gegen rot markierte Sonn- und Feiertage oder erwartungsfroh eingetragene Frei- und Ferientage! Wieso aber nicht versuchen, dem Alltag (und das ist immerhin der grösste Teil meines Lebens) etwas mehr Farbe abzugewinnen? Wirklich, der Alltag hat Potenzial! Ja, der Alltag mit seinen vielen kleinen Begegnungen und den vielen kleinen Dingen, die zu erledigen sind, birgt tatsächlich Farb-stoff genug für bunteste Erfahrungen…. wenn sie denn wahrgenommen werden!

Wider den Erledigungswahn
Notwendig dazu ist ein Mentalitätswechsel: vom «Wieviel» zum «Wie» ich etwas mache, sage, erledige. Was nützt es, wenn einer beste Antworten auf die grossen Fragen des Lebens weiss, aber mit dem Kleinkram des Lebens nicht umzugehen weiss? Zum Mentalitätswechsel gehört das Ablegen von jenem Erledigungswahn, welcher uns unaufhörlich antreibt und nicht mehr zur Ruhe kommen lässt. Stattdessen wird sich eine neue Empfindsamkeit und Empfänglichkeit für die Kostbarkeiten des Augenblicks einstellen.
All das schreibt und liest sich schnell, braucht aber einen langen Übungsweg. Ein solcher Übungsweg können sogenannte Exerzitien im Alltag sein, die hier in Winterthur sowohl von reformierten Kirchgemeinden wie katholischen Pfarreien angeboten werden (im Internet leicht zu finden). Auf einem solchen Übungsweg wird bewusst versucht, dem Reichtum des eigenen Lebens auf die Spur zu kommen und das Potenzial des Alltags zu heben.
In manchen Kursen werden die Teilnehmenden dazu angeleitet, noch mehr aus ihrem (zukünftigen) Leben zu machen. Hier geht es darum, mehr in seinem (jetzigen) Leben zu entdecken. Wieso nicht mal versuchen, das Aussergewöhnliche im Gewöhnlichen zu finden? Wieso nicht Staunen über das, was ist, anstatt alles als selbstverständlich hinzunehmen? Wieso nicht mal eine Liebeserklärung an das ganz Gewöhnliche?

Weil Gott sich oft im Kleinen versteckt
Nie mehr vergessen werde ich, wie ich vor drei Jahren nach einem Unfall wieder das einfache Laufen lernen musste. Und in dieser Zeit verfasste ich eine Liebeserklärung an meine Füsse und Beine, die mich bislang so treu über Stock und Stein getragen hatten. Nur wäre es mir bis dato schlicht nicht in den Sinn gekommen, sie mal zärtlich zu streicheln und zu sagen, wie dankbar ich ihnen bin.
Was oder wer in ihrem Leben hat schon längst eine solche Liebeserklärung (wieder mal) verdient? Übrigens, wer so das Leben wahrzunehmen beginnt, ist auf dem besten Weg zu jener Erfahrung, die Ignatius von Loyola (der Gründer des Jesuitenordens und «Erfinder» der Exerzitien) so umschreibt: «Gott in allem suchen und finden».
Wer sagt denn bloss, «der Teufel steckt im Detail»?! Nein, Gott versteckt sich oft im Kleinen – haben wir diese weihnächtliche Lektion bereits vergessen?

Stefan Staubli ist Pfarrer in der katholischen Pfarrei St. Peter und Paul.

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