«Wenn ich auf einen Berg hinaufsteige, bin ich dem lieben Gott zehntausendmal näher, als wenn ich so einen Scheiss verzapfe!», sagt Kommissar Flückiger in einem Schweizer «Tatort» voll Verachtung gegenüber einer Endzeitsekte, um die es in diesem Krimi geht.

Macht Natur fromm?

Dem lieben Gott auf einem Berggipfel nahe sein, jedenfalls näher als in einem ausdrücklich kirchlichen Zusammenhang, gibt eine populäre religiöse Einstellung bei vielen Schweizerinnen und Schweizern wieder. Beim Spaziergang im Wald, im eigenen Garten, beim Anblick des nächtlichen Sternenhimmels wird es manchem Zeitgenossen bei uns frömmer zumute als beim Bibel-Lesen oder Gottesdienst-Feiern.

«Heidnische» Natur

Vielleicht weist diese weit verbreitete Naturspiritualität auf ein echtes Defizit der üblichen christlichen Glaubenspraxis hin. Tatsächlich ist die jüdisch-christliche Tradition nicht sehr naturverbunden. Zur Zeit der Abfassung der biblischen Texte sind ganz viele Vorgänge in der Natur von «heidnischen» Gottheiten besetzt gewesen: der Lauf von Sonne, Mond und Sternen, Wetterereignisse, Katastrophen, die Phänomene Fruchtbarkeit, Wachstum und Vermehrung – all dies ist in der Antike dem Wirken von Göttinnen und Göttern zugeschrieben worden.
Davon haben sich die jüdischen und später die christlichen Ein-Gott-Gläubigen abgegrenzt. Ihr Gott ist ein Gott, der sich bevorzugt in der Geschichte zeigt: in Sieg oder Niederlage, in Not oder Wohlstand, in Krankheit oder Gesundheit, in menschlichen Schicksalen und prophetischen Gestalten.
Im ersten Teil der Bibel finden sich gerade drei Textstellen, die Gott aufgrund der Natur verehren: die beiden Schöpfungsgeschichten am Anfang, der (lange) Psalm 104, Teile des Buches Hiob. In den Jesus-Erzählungen gibt es ein paar Anspielungen auf Pflanzen und Tiere in Gleichnissen – mehr nicht.

Franz von Assisi als Wegbereiter

Es hat 1200 Jahre gebraucht, bis Franz von Assisi in seinem Sonnengesang diesen «Naturbann» durchbrochen hat und Gott lobt für Schwester Sonne, Bruder Mond und die Sterne, für Mutter-Schwester Erde, für Schwester Wasser, für Bruder Luft und Feuer, ja für den Bruder Tod. Eine ganz ausserordentlich Dichtung, die viele bis heute begeistert singen im Lied «Laudato sii!».
Als im Zusammenhang mit der drohenden Umweltzerstörung immer mehr die Verantwortung des Menschen für die Bewahrung der Schöpfung bewusst wurde, haben die Kirchen in unserem Land vor einigen Jahren jeweils die Zeit zwischen 1. September und 4. Oktober (dem Tag des heiligen Franz) als Schöpfungszeit ausgerufen. Da und dort wird auch ein jährlicher Schöpfungstag in Gemeinden oder Pfarreien begangen – eine schöne Idee, die uns weit über die Grenzen christlicher Konfessionen verbinden könnte.
Vielerorts wird in diesen Wochen in Gottesdiensten Erntedank gefeiert. Gerade in städtischen Gegenden tut es gut, sich bewusst zu machen, dass die Lebensmittel nicht im Supermarkt entstehen, sondern Frucht der Schöpfung sind, die wir dankbar geniessen dürfen. Wie Kommissar Flückiger die Gottesnähe beim Bergsteigen.

Hugo Gehring ist Pfarrer in der katholischen Pfarrei St. Peter und Paul

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