„Was ist denn das für eine abstruse Frage“ – so werden wahrscheinlich die meisten Leserinnen und Leser denken, wenn sie mit dieser Seite zu lesen beginnen. Aber diese Frage ist mir tatsächlich durch den Kopf gegangen, als ich letzthin in April mit zwei Stellungnahmen zum neusten Schreiben von Papst Franziskus konfrontiert worden bin.
Dieses Schreiben heisst „Amoris Laetitia“ und ist das lehramtliche Schreiben des Papstes zur Bischofssynode über Ehe und Familie der vergangenen zwei Jahre.
Die beiden Stellungnahmen stammten beide aus der Feder eines Generalvikars des Bistums Chur und sie machten beide den Anschein eines Wettrennens. Gewonnen hat Zürich. Das Schreiben von Generalvikar Annen erreichte mich 17 Minuten vor dem Schreiben des Generalvikars Grichting – und wenn es nach meinem Befinden geht, dann bin ich vom Himmel in die Hölle geraten und kurz darauf wieder an meinem Schreibtisch in Oberwinterthur gelandet.

Das hohe Ideal
Damit ich nicht ungerecht werde, muss ich vorausschicken, dass ich zum Thema „Ehe und Familie“ in der katholischen Kirche eine dezidierte Meinung habe und dass diese Meinung sicher nicht zur Mehrheit zählt.
Genauer formuliert habe ich diese Meinung vor ungefähr zwanzig Jahren an meinem vorigen Wirkungsort im Fricktal während eines Podiumgesprächs. Meine zentrale Aussage damals war, dass die katholische Kirche nur eine sehr, sehr anspruchsvolle Form der Ehe kennt und keine andere Form gelten lässt. Aus diesem Grund ist das Scheitern in der katholischen Ehe fast schon einprogrammiert. Und darum bin ich bis heute der Meinung, dass es mehrere Formen der Ehe geben sollte. Schliesslich gibt es ja auch Breitensport und Spitzensport, und wer immer nur auf die Höchstleistung schaut, blinzelt automatisch auch in Richtung Doping.

Barmherzigkeit und Lehrmeinung
Von daher fühlte ich mich fast schon im Himmel, als ich den Kommentar von Generalvikar Annen las: Der Papst betont, dass man jetzt neu den Einzelfall anschauen muss. Der Papst sieht die Tatsache, dass ganz viele Eheleute immer wieder am Ideal scheitern – auch an den Idealen, die sie selber setzen, nicht nur am Ideal der Kirche. So soll man im Einzelfall immer wieder Orte der Liebe suchen und dort ansetzen, damit die Freude an der Liebe („Amoris Laetitia“) wachsen kann. Darum muss man all diesen Verbindungen auch immer mit Barmherzigkeit begegnen und versuchen, das Beste daraus zu machen. Generalvikar Grichting dagegen betonte vehement, dass der Papst im Einklang mit der Bischofssynode die katholische Lehre nicht geändert habe. Die Ideale der katholischen Kirche hätten sich überhaupt nicht verändert und das habe der Papst mehrfach betont.
Mit dieser Aussage kann ich problemlos leben, denn auch ich stecke mir manchmal hohe Ziele und bin froh, wenn die Kirche auch aufzeigt, in welche Richtung das Leben gehen soll. Nur dass sich damit überhaupt nichts geändert habe – und das war die Intention des Kommentars von Generalvikar Grichting – das hat mich dann vom Himmel direkt in die Hölle stürzen lassen.

Die Realität im Blick
Endlich wagt es ein Papst einmal, die Realität in den Blick zu nehmen und nicht einfach zu behaupten, solange das Ideal nicht verwirklich sei, herrschten nur Sünde und Schuld. Endlich einmal wird auch die Not der Menschen mit diesen hohen Idealen thematisiert und werden Wege aufgezeigt, wie mit dieser Not umgegangen werden kann, ohne die Ideale zu verraten. Und dann kommen die Besitzstandwahrer daher und behaupten, gar nichts habe sich geändert! Es gelte immer noch Befehl und Gehorsam und es sei von Anfang an klar, wer befiehlt und wer gehorchen muss.
Ich war wirklich froh, dass ich nach dieser Himmel- und Höllenfahrt wieder im Alltag an meinem Schreibtisch in Oberwinterthur angekommen war.

Michael Weisshar-Aeschlimann, Gemeindeleiter St. Marien Oberwinterthur

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