„Erfolgreich alt werden – erfolgreich sterben!? Wie alt werden geht.“- so heisst die Veranstaltung, die am 30. Mai 2015 ab 14.15 Uhr im Pfarreizentrum St. Urban stattfindet. An einer Podiumsdiskussion, in Workshops, mit einem Gottesdienst und zum Abschluss mit einem Apéro soll der Themenbereich Altwerden – Längerleben – Sterben aus verschiedenen Perspektiven diskutiert werden. Das „Info-Blatt“ der Seemer Pfarrei St. Urban nimmt die Thematik in seiner Ausgabe Nr. 144/März 2015 auf, unter anderem in diesem Interview mit einem Pfarreimitglied, dessen Mutter ihrem Leben mit Hilfe einer Sterbehilfeorganisation aus dem Leben schied.

 

Wir durften uns zusammen mit Margrit (54, Name geändert) an die Zeit rund um den Freitod ihrer Mutter (77) erinnern. Diese war über sechzehn Jahre an den Nieren erkrankt. Zuerst war sie an der Dialyse und die letzten acht Jahre hatte sie ein transplantiertes Organ. Sie bekam immer mehr Komplikationen. Es entwickelte sich ein Hautkrebs sowie eine Muskel-Nervenkrankheit, dazu hatte sie aufgrund ihrer alten Niere eine chronische Blasenentzündung zusätzlich zu den starken Nebenwirkungen der vielen Medikamente. Die Ärzte konnten ihr nicht mehr helfen.
Hat dich deine Mutter in den Entscheid, ihrem Leben selber ein Ende zu setzen, einbezogen?
Meine Eltern haben dies zusammen beschlossen, nachdem sie einen Zeitungsartikel gelesen und die Dienstagssendung „der Club“ im Fernsehen gesehen hatten.

Wie lange vor dem Sterben wurde der Entscheid gefällt?
Relativ kurzfristig, sechs Monate im Voraus. Mein Vater informierte mich und fragte, ob ich diesem Entscheid positiv gegenüber stehen könne.

Was für Gefühle und Gedankenhat dies bei dir ausgelöst?
Dieser Entscheid hat mich in ein Wechselbad der Gefühle gestürzt. Was kommt da auf mich zu? Muss ich dabei sein? Muss ich diese Entscheidung gutheissen? Muss ich dabei irgendwie behilflich sein? Ich war sehr verwirrt und konnte meine Gedanken nicht richtig ordnen. Über Wochen war ich nicht in der Lage, mit meiner Familie, das heisst meinem Mann und den Söhnen, darüber zu reden. Es gelang mir nicht, es richtig zu erfassen und zu verarbeiten.

War diese Sterbehilfe innerhalb der Familie/Verwandtschaft ein Gesprächsthema?
Meine Mutter hatte jahrelang gegen die Krankheit gekämpft und immer Pläne gemacht, was sie noch alles erleben möchte. Aber nach ihrem Entscheid hatte sie oft das Bedürfnis, darüber zu reden und ihren Schritt zu begründen. Sie versuchte, ihre engsten Freunde und die Familie davon zu überzeugen, dass ihre Lösung für alle das Beste sei. Vermutlich brauchte sie aber auch für sich selber die Gewissheit, das Richtige gewählt zu haben. Es war belastend, dass dieses Thema auf einmal so viel Raum einnahm. Um mit dem eigenen Leben abzuschliessen, hat meine Mutter ihren Lebenslauf selber verfasst. Zudem war meine Mutter religiös und wollte unbedingt mit Gott ins Reine kommen und sich von ihm verstanden und angenommen fühlen.

Gab es regelmässigen Kontakt zur Sterbehilfsorganisation?
Ab Beginn der Mitgliedschaft wurde meine Mutter regelmässig vom Sterbebegleiter besucht. Er gab ihr auf alle Fragen Antwort und informierte sie über den Ablauf. So konnte sie Vertrauen zu ihm fassen. Sie durfte ihn auch jederzeit anrufen, wenn sie etwas wissen wollte.

Wie verliefen die Vorbereitung und die Begleitung in den Tod organisatorisch?
Um mit der Sterbehilfeorganisation aus dem Leben zu scheiden, braucht es eine medizinische Indikation. Dazu benötigt man einen ausführlichen Arztbericht, in dem die ganze Krankengeschichte steht und wo auch dargelegt wird, dass die Heilungschancen aussichtslos sind.
Ganz wichtig ist auch, dass man im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist. Und man muss in der Lage sein, das Sterbemittel selber einzunehmen oder die Injektion selber auszulösen. Der verantwortliche Arzt der Sterbehilfeorganisation will, wenn immer möglich, mit dem behandelnden Arzt zusammen arbeiten. Darum wurde der Hausarzt ins Vertrauen gezogen, was aber nicht immer einfach ist, weil Ärzte ja normalerweise die Sterbehilfe ablehnen. Mit aktiver Sterbehilfe aus dem Leben zu scheiden, bedeutet viel Aufwand für die Sterbewilligen und ihre Angehörigen. Es gehört viel reifliche Überlegung und Verarbeitung dazu. Wer dies als gesunder Mensch im Voraus plant, hat es natürlich leichter. Wenn man schon krank ist und einem nicht mehr viel Zeit bleibt, kann dabei psychischer Stress entstehen. Das Sterben selbst geschieht immer mit dem Sterbebegleiter und einem oder mehreren Angehörigen. Die sterbende Person ist, auch aus rechtlichen Gründen, immer von mindestens zwei Personen umgeben.

Was passierte mit dir auf diesem Stück Weg, wie konntest Du diese Zeit gefühlsmässig bewältigen?
Wie gesagt,  ich hatte von Anfang an Mühe, mich darauf einzulassen, sah aber, dass es für meine Mutter das Beste war. Ihr konnte medizinisch nicht mehr geholfen werden und an Nierenversagen zu sterben, ist kein schönes Los. Leider erkrankte mein Vater an Krebs, während meine Mutter auf diesem Sterbeweg war. Dies war dann eine gewaltige Überforderung. Es ging dann nur noch darum zu funktionieren. Die Familie, die Arbeit, die Besuche beim Vater im Spital, die Besuche bei der Mutter zu Hause, all das musste unter einen Hut, in einen Tag gepackt werden. Viel Raum für Gefühle und Reflektionen blieb da nicht mehr.

Welche Erinnerungen sind für dich im Nachhinein immer noch belastend?
Sterbehilfe ist Suizid nach unserer Gesetzgebung. Die Sterbehilfeorganisation organisierte das Aufbieten von Polizei und Bezirksarzt, damit die Todesart zweifelsfrei festgestellt werden konnte. Leider waren die zwei Polizisten nicht sehr sensibel und machten unpassende Bemerkungen. Das hat mich verletzt und es war in meinem Fall doppelt schlimm, weil mein Vater zu dieser Zeit sterbend im Spital lag.

Welche positiven Gefühle sind dir geblieben?
Meine Mutter hatte acht Jahre Dialyse und nochmals solange die Nebenwirkungen der starken Medikamente wegen der Transplantation zu ertragen. Dann kamen noch die zusätzlichen Krankheiten, welche sich nach und nach einstellten dazu. So war es für mich ein beruhigendes Gefühl, dass sie sanft entschlafen durfte.

Wir danken dir für das offene Gespräch und diesen Einblick in einen sehr schwierigen Moment in deinem Leben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sie können diese HTML Tags und Attribute verwenden:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>