Über das Alt werden und das Sterben hat am Wochenende in Winterthur eine sehr gut besuchte Veranstaltung stattgefunden. Endlich über dieses Tabu offen sprechen zu können– das war für viele der selbst hochaltrigen Teilnehmenden befreiend. Selbstbestimmung im Alter ist ein Thema, das viele Fragen aufwirft.

«Das Leben sammeln, indem ich über die Wiese der zurückliegenden Jahre gehe und all die Blumen pflücke, die dort wachsen und wuchsen, und sie zu einem Strauss zusammenfüge: die bunten, schönen, aber auch die verdorrten oder dornenvollen.» So kann alt werden gehen – vielleicht nicht für alle Menschen, aber für die Frau, die dem Winterthurer Seelsorger Peter Koller mit diesen Worten beschrieb, wie sie auf ihr Leben zurückblickt. Der katholische Seelsorger erzählte das Beispiel der «Lebenssammlerin» an der Podiumsdiskussion der Veranstaltung «Erfolgreich alt werden – erfolgreich sterben!?», die am Samstag, 30. Mai 2015, in Winterthur stattgefunden hat.

Brennende Fragen
Alt werden und sterben in einer Gesellschaft, in der die Menschen immer älter werden, die aber gleichzeitig Jugendlichkeit, Dynamik und Leistungsfähigkeit zum Mass aller Dinge macht, ist eine Herausforderung. Das machte der grosse Publikumsaufmarsch deutlich: Gegen 170 Teilnehmerinnen hatten den Weg in das Pfarreizentrum St. Urban in Seen gefunden, hörten der Podiumsdiskussion zu, stellten Fragen an die Referentinnen und Referenten, nahmen engagiert an Workshops und anschliessend am Gottesdienst teil. Neben dem katholischen Seelsorger Peter Koller diskutierten auf dem Podium die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie Dr. Bernadette Ruhwinkel, die Psychologin Doris Held, die Leiterin des benachbarten Altersheims St. Urban Brigitte Müller und die Altersheimbewohnerin Marlisa Schmocker sowie Franziska Müller Gaja, die die Pflege am Zentrum für Palliativmedizin des Kantonsspitals Winterthur leitet. Selbstbestimmung im Alter und im Sterben ist ein Thema, das unter den Nägeln brennt. Gedanken von Seelsorgenden sind dabei genauso wichtig wie Informationsvermittlung von medizinischen und psychologischen Fachpersonen.

 

Selbstbestimmung ist keine Altersfrage
Eines machte die Veranstaltung ebenfalls deutlich: Alt zu werden geht einher mit Verlust, das lässt sich nicht schönreden: Es ist der Verlust von Kraft und Mobilität, von Aufgaben und Fähigkeiten, von anderen Menschen. Doch nicht notgedrungen von der Selbstbestimmung. So das Votum der Winterthurer Psychologin und Meditationslehrerin Doris Held: «Selbstbestimmung heisst einfach: Ich will. Und das kann man in jeder Lebensphase.», erklärte sie eindringlich. Die Alterspsychiaterin und -psychologin Dr. Bernadette Ruhwinkel unterstrich dies: Jüngere Menschen seien nicht in jedem Lebensaspekt absolut selbstbestimmt und alte nur fremdbestimmt, jedes Alter habe seine Rahmenbedingungen, aber in jedem Alter könne man sich dort Selbstbestimmung sichern, wo sie einem wichtig sei. Und dies seien mit zunehmenden Jahren oft Aspekte der Lebensgestaltung, wenn Einschränkungen oder Krankheiten sich zeigen würden.

 

Mehr als die Wahl des Todeszeitpunktes

Dass die Selbstbestimmung nicht lediglich die Wahl des Todeszeitpunktes sei, wie es Sterbehilfeorganisationen anbieten, betonte auch Brigitte Müller, die Leiterin des Altersheimes St. Urban in Seen: Heute komme eine Generation von Gästen ins Altersheim, die verlangt, dass ihren individuellen Ansprüchen in der Lebensgestaltung Platz eingeräumt werde, sagte die Altersheimleiterin: «Das ist für uns oft eine Herausforderung, aber richtig und wichtig. Bewohnerinnen und Bewohner mieten hier ein Zimmer inklusive Service, ihr Leben sollen sie aber weiter selbst bestimmen können.» Marlisa Schmocker, die seit einem halben Jahr im Altersheim St. Urban wohnt, hat sich aus eigenen Stücken entschlossen, ihre Wohnung gegen ein Zimmer im Altersheim einzutauschen: «Ich habe selbst meinen Mann und verschiedene Angehörige gepflegt, ich weiss, was das heisst und ich wollte es meinen Kindern nicht zumuten.» Dass die Selbstbestimmung am Lebensende nach wie vor ein grosses Tabuthema ist, verdeutlichte Marlisa Schmocker aber auch: «Es wird auch im Altersheim nicht über das Sterben geredet. Man weiss vielleicht voneinander, wer eine Patientenverfügung hat, aber mehr nicht.»

 

Reden über das Tabu Sterben
Dabei sei es zentral, über das Sterben und was einem persönlich am Lebensende wichtig sei, zu sprechen, forderte Franziska Trüb Gaja, die die Pflege am Zentrum für Palliativmedizin am Kantonsspital Winterthur leitet: Ob beispielsweise eine Chemo- oder andere Therapie durchgeführt werde und was das für die Lebensqualität heisse, werde heute mit den Patientinnen und Patienten und ihren Angehörigen diskutiert. Oft würden nicht besprochene Grundsätze, unausgesprochene Ängste, ungeklärte Fragen, ungelöste Konflikte solche Roundtable-Gespräche erschweren. «Wenn jemand stirbt, wurde in rund fünfzig Prozent aller Fälle ein bewusster Entscheid gefällt», erklärte auch die Psychiaterin Dr. Bernadette Ruhwinkel. Eine Patientenverfügung leiste deshalb wichtige erste Klärungsarbeit «Erste» war hier ein wichtiges Stichwort: Viele spirituelle, psychosoziale und medizinische Aspekte rund um das Lebensende konnten an der Veranstaltung nur angetippt werden. Einer Vertiefung, speziell auch der spirituellen Aspekte, kann sich die Katholische Kirche in Winterthur durchaus noch annehmen.

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