Das ist der Titel eines Romans vom österreichischen Schriftsteller Robert Seethaler, der mich im vergangenen Sommer für ein paar Stunden in ein Bergtal mitnahm. Geschildert wird das Leben eines Knechts, Holzfällers und Seilbahnbauers, der nicht viel spricht, aber viel und hart arbeitet und sogar eine Liebe findet, die er durch ein Lawinenunglück allerdings wieder verliert. Dann zeitweilig in Kriegsgefangenschaft gerät, um irgendwann still aus diesem Leben zu scheiden – ein ganzes Leben eben. Doch was heisst das, wie oder an was lässt sich ein ganzes Leben messen; an den Lebensjahren, dem Erfolg im Beruf, dem Gründen einer Familie, …? Und was wäre dann ein halbes Leben oder gar ein Viertelleben? Die Hauptfigur vom Roman „Ein ganzes Leben“ lebt ein unspektakuläres Leben, das ein Stück weit den technischen Fortschritt im Tal miterlebt und daran teilhat. Was hat den Autor bewegt, von einem ganzen Leben zu reden – fast hätte ich gesagt, ein ganzes Leben zu versprechen?!

Und da ist noch dieser Satz gegen Ende des Romans, der mir hängengeblieben ist, mir nachgeht, auch wenn ich ihm noch so gerne widersprechen möchte: „Er war nie in die Verlegenheit gekommen, an Gott zu glauben, und der Tod machte ihm keine Angst.“ Meint das ein ganzes Leben, wenn keine Angst mehr vor dem Tod da ist? Und, dies vielleicht die Frage eines Pfarrers, gibt es ein ganzes Leben ohne Glauben?

Langsam frage ich mich, ob ich überhaupt richtig liege mit dieser Fragerei, was zu einem ganzen Leben gehört? Das ist ja, wie wenn ich nach den Zutaten zu einem Kuchen fragen würde. Habe ich hiermit nicht gleich selber den Glauben ein Stück weit vergessen, wonach jedes Leben Fragment ist und nur Gott Vollendung schenken kann, nur von Gott her Vollendung kommt?
Bei aller Dankbarkeit für alles Gelungene und Erreichte im Leben – es gibt kein Leben, das einfach verschont bleibt von der Erfahrung des Scheiterns und dass etwas unfertig bleibt oder in die Brüche geht. Im lat. Wort „frangere“ (zerbrechen), von dem Fragment abzuleiten ist, steckt zuerst das Zerbrochene, das Scheitern. Doch das Leben als Fragment zu sehen und anzunehmen, kann auch befreiend wirken. Irgendwo habe ich gelesen: „Gegen das Ideal der Ganzheit und Vollkommenheit möchte ich die Vorstellung vom Fragment ins Spiel bringen. Leben als Fragment zu verstehen, heisst nicht, erniedrigt zu werden, auf die Unvollkommenheit festgelegt zu werden, also klein gemacht zu werden. Dies meint keine falsche Bescheidenheit…. Sehen wir unser Leben als Fragment, werden wir freier, können wir aufatmen und leben.“

Das Gesagte möchte ich höchstens noch ergänzen mit dem Vertrauen, dass das Ganze nicht mein Werk sein muss. Das Ganze ist Gottes Werk. Ich darf ihm alles überlassen – auch das Zerbrochene und Unfertige. Anfangen ist meins, vollenden ist seins.

Stefan Staubli, kath. Pfarrer in St. Peter und Paul und St. Marien, Winterthur

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