Nur der Tonfall hat sich geändert, nicht aber der Inhalt der kirchlichen Doktrin – so haben viele Medien das jüngste Dokument des Papstes zu Ehe und Familie mit dem Titel „Amoris Laetitia“ (Freude der Liebe) beurteilt. Sicher stimmt die Wahrnehmung bezüglich des Tonfalls. Da schreibt der oberste Katholik leidenschaftlich wertschätzend über die Wunder der Liebe auch in ihrer erotischen Dimension, wirbt in blumenreicher Sprache für das Ideal einer treuen und fruchtbaren Partnerschaft von  Mann und Frau, hebt schon im Titel die „Freude“ hervor, die liebende Beziehungen ermöglichen. Weite Teile des Dokumentes stellen wirklich einen freudigen Lobpreis des „wunderbar komplexen“ Lebens dar – wobei „komplex“ ausdrücklich positiv gewertet wird.
Papst Franziskus selbst äussert im Vorwort die Vermutung, „dass alle sich am meisten durch das achte Kapitel angesprochen fühlen“. Dieser Textabschnitt trägt den Titel: „Die Zerbrechlichkeit begleiten, unterscheiden und eingliedern“. Darin werden all die Beziehungsformen thematisiert, die dem Ideal der unauflöslichen christlichen Ehe und Familie nicht oder nur teilweise entsprechen. Und hier gibt es klar inhaltlich weiterführende Ansätze im Vergleich zum dem, was bisher in der offiziellen katholischen Kirche Gültigkeit besass.

„Das positiv Gelebte würdigen“
Am bedeutsamsten scheint mir der mehrmals betonte Primat der Wirklichkeit vor der Lehre, der Vorrang des konkreten Einzelfalles vor dem abstrakten Ideal. Das päpstliche Schreiben formuliert keine neuen gesetzlichen Regelungen, sondern relativiert die bestehenden. Originalton: „Daher darf ein Hirte sich nicht damit zufrieden geben, gegenüber denen, die in ‚irregulären‘ Situationen leben, nur moralische Gesetze anzuwenden, als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft.“ Vielmehr lädt der Papst ein, mitzufühlend, nicht verurteilend, die unterschiedlichsten Situationen der Menschen in ihrer Verschiedenheit zu begleiten, das darin positiv Gelebte zu  würdigen und den Auftrag des Evangeliums zu verwirklichen, alle einzubeziehen. (Der mögliche sakramentale Nicht-Ausschluss ist leider nur in eine Fussnote verwiesen, aber immerhin explizit erwähnt.)

Entscheidende Rolle des Gewissens
Dem Gewissen wird in unerhört neuer Weise eine entscheidende Rolle zugeschrieben, wörtlich: „Aufgrund der Erkenntnis, welches Gewicht die konkreten Bedingtheiten haben, können wir ergänzend sagen, dass das Gewissen der Menschen besser in den Umgang der Kirche mit manchen Situationen einbezogen werden muss, die objektiv unsere Auffassung der Ehe nicht verwirklichen.“

Logik der Integration
Ganz besonders geht es dem Papst um die „Logik der Integration“, die die Logik der Botschaft Jesu widergibt. Gegen jede „kalte Schreibtisch-Moral“ plädiert er für ein Klima, das uns „in den Zusammenhang einer pastoralen Unterscheidung voll barmherziger Liebe“ versetzt, „die immer geneigt ist zu verstehen, zu verzeihen, zu begleiten, zu hoffen und vor allem einzugliedern.“ Für eine solche Perspektive, die wirklich Türen zu öffnen vermag, bin ich dem Bruder Papst Franziskus dankbar.

Hugo Gehring

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