Die ersten Lichterbäume, die ich als Kind sah, was waren sie zauberhaft. In unserem Dorf gab es zwei davon: einen beim Dorfbrunnen, den andern bei der Papeterie. Im Schaufenster der Papeterie fuhr eine Spielzeugeisenbahn ihre Runden. Wir drückten uns am kalten Glas die Nasen weiss. Vielleicht will es einem scheinen, mein Kindheitsadvent sei eine schlichte, dunkle Angelegenheit gewesen. Ich widerspreche, denn Dunkelheit mit einzelnen Lichtpunkten ist genau mein Ding.

Im Advent habe ich eine Aufgabe. Ich will meinen eigenen Lichtpunkt setzen: Eine Weihnachtsgeschichte oder ein -gedicht will ich schreiben. Das ist schwierig. Es gibt schliesslich einzigartige Weihnachtsgeschichten: Dickens A christmas carol, Henrys Geschenk der Weisen oder Roseggers Als ich Christtagsfreude holen ging. Berührende, kluge und magische Erzählungen.

So sitze ich jeweils im Advent mit solchen Vorbildern, in leichter Anti-Weihnachts-Stimmung und mit dem Anspruch, Kitsch zu vermeiden, vor meinem PC. Da ist es nicht verwunderlich, wenn ziemlich viel Schräges oder gar Bissiges bei meinen Übungen herauskommt.

Weshalb tust du dir das an?, fragte ein Kollegin. Meine Antwort: Weil ich nicht hinterfragen will. Weil ich hinterfragen muss. Weil ich im Advent warte. Weil ich vom Advent nichts erwarte. Weil ich etwas verloren habe. Weil ich etwas wiederfinden will. Weil ich mehr habe als ich brauche. Weil ich unmögliche Aufgaben brauche.

Dann sah ich das Foto eines Busses. Rot, mit Girlanden und Sternen geschmückt und gerade so, als sei er meiner Jugendzeit entsprungen. Zu diesem Bild gehörte die Aufforderung, Weihnachtstexte einzureichen. Da sass ich nun vor meinen seltsamen Weihnachtsgeschichten und der Frage: Passt das in einen von Winterthurer Kirchen ausgeschriebenen Wettbewerb. Nichts davon war fromm, klug oder lehrreich. Aber wer weiss, dachte ich.

Wochen später sitze ich im Adventsbus: vor mir ein Mikrophon. Mein Fauteuil steht in der Mitte des Busses. Ganz hinten haben zwei charmante Männer Musikinstrumente installiert. Vorne werden Billette geknipst, der Busfahrer in Uniform scheint aus den 70ern hergezaubert. Die Fahrt geht Richtung Seen. Ich lese und ich spüre, mit mir sind Menschen. Vielleicht hören sie zu, vielleicht träumen sie, vielleicht kann ich sie mit meinen Geschichten forttragen: in die Wüste, in einen verschneiten Wald, an die See…

Sie haben es mir nicht erzählt: Sie sind eingestiegen, mit uns durch den Abend gefahren, wieder ausgestiegen. Eine Fahrt fast wie jede andere auch. Nur dass es diesmal ein sinnliches Erlebnis war: das Rollen des Busses, Schaukeln, Abbremsen, staunende Gesichter, bunte Lichter allüberall – und, als käme sie von weit her, leicht verwischt von den Eindrücken und der Bewegung des Gefährts, eine beschwingte, elegante Musik.

Vielleicht aber sassen wir alle gar nicht in einem Bus, sondern in einer Fähre. Draussen war nicht Winterthur, sondern die Weite des Meers. Wir schaukelten nicht nach Seen, sondern auf die Isle of Christmas. Wenn das mal keine schräge Geschichte wird …

Dieser Text ist auch erschienen in der Kolumne „glaubenssache“ des Winterthurer Stadtanzeigers

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