Wenn wir die Lage der Kirchen in der aktuellen Gesellschaftssituation charakterisieren wollen, kommen wir nicht um die Einsicht herum, dass wir Menschen heute zutiefst von einer ständig sich steigernden Konsumkultur geprägt sind. Das hat es in der ganzen Weltgeschichte noch nie gegeben: dass nicht Mangel, sondern seit Jahrzehnten anhaltend und immer noch zunehmend Überfluss an verfügbaren materiellen Gütern besteht. Wir leben sozusagen in einem riesigen Supermarkt, in dem wir alles, was unser Herz begehrt (und noch viel mehr), dauernd gegen Geld erwerben können. Mit den Augen der Zeitgenossen betrachtet, gehören auch die Kirchen zu den Dienstleistungsanbietern, bei denen man die gewünschten «Produkte» einkauft und gleichsam in den seelischen Warenkorb legt. Die Mehrheit sieht in uns heutzutage nicht Glaubensgemeinschaften, sondern religiöse Service-Stationen.
Als ich im vergangenen Jahr angefragt wurde, ob ich zweimal an einem Tagen bei Angestellten der Allianzversicherung in Berlin und Hannover beschreiben könnte, wie wir als Kirche «Kundennähe» herstellen, fand ich diese Aufgabenstellung zunächst schon etwas befremdlich. Doch eigentlich entspricht sie einfach einer marktwirtschaftlich orientierten Sicht. Ich entschied mich, diese Herausforderung anzunehmen.

Mein Vortrag begann damit, dass ich die fünf meistgefragten kirchlichen Produkte vorstellte (in meiner katholisch geprägten, subjektiv geordneten Reihenfolge):
1.) Weihnachten
2.) Beerdigungen
3.) Erstkommunion
4.) Taufe
5.) Hochzeit
Anschliessend sollte jede und jeder erzählen, bei welcher Gelegenheit sie oder er zum letzten Mal einem Live-Pfarrer begegnet ist. Natürlich haben sich die hier aufgezählten fünf kirchlichen «Verkaufsschlager» als die häufigsten Berührungspunkte mit Profi-Kirchenleuten erwiesen.
Es wurden lebendige Runden, diese jeweils anderthalb Stunden Austausch mit den Business-Leuten der Versicherung. Ein leitender Angestellter hatte mich vor Beginn gefragt, was mein Ziel sei. Spasseshalber hatte ich geantwortet: «Missionieren!» Er liess sofort den geistigen Rolladen herunter und entgegnete: «Das wird Ihnen bei mir nicht gelingen!» Am Schluss gestand er anerkennend: «Ich habe noch nie in meinem Leben einem Pfarrer so lange interessiert zugehört.»

Selbstverständlich bin ich sehr froh und darauf angewiesen, dass es auch Menschen gibt, die sich zur Glaubensgemeinschaft der Kirche zugehörig fühlen, die sich nicht als Kunden, sondern als verbindliche Mitglieder verstehen, die sogar zu persönlichem Engagement bereit sind. Nur dank dieser echten Kerngemeinde wird es möglich, der konsumierenden Mehrheit religiöse Dienstleistungen anzubieten. Was mich darin bestärkt, auch den blossen «Einkaufstouristen» im kirchlichen Supermarkt positiv entgegenzukommen (und sie nicht abwertend zu betrachten), ist die Überzeugung, dass Kirchen-Distanz nicht mit Gott-Distanz gleichzusetzen ist. Wem die religiöse Praxis fremd ist, der ist deswegen nicht fern vom Geheimnis, das wir Gott nennen. Darum begegne ich auch den Kunden zuvorkommend.

Hugo Gehring ist Pfarrer in der katholischen Pfarrei St. Peter und Paul und Dekan des Dekanats Winterthur.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sie können diese HTML Tags und Attribute verwenden:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>