Kürzlich besuchte ich eine Ausstellung mit dem Titel «Kindheit – eine Erfindung des 19. Jahrhunderts». Kinder, wie wir sie heute erfahren, gibt es seit der Romantik. Vorher galten 9- bis 11-Jährige als kleine Erwachsene. In der Malerei trugen sie dementsprechende Gesichtszüge oder sie wurden als engelhafte Wesen dargestellt. Kindheit ist heute etwas Eigenständiges. Oder doch schon Teil des Erwachsenenlebens? Diesen Eindruck erhalte ich beim Blick auf gewisse Stundenpläne von Kindern. Da frage ich mich ab und zu, ob Kindern wirklich der Freiraum zur Verfügung steht, den sie zu ihrer Entfaltung brauchen?

Und nach der aktiven Phase?

Im Ausstellungsprospekt lese ich: «Mit der Entdeckung der Kindheit im 19. Jh. eröffnete sich uns eine mächtige, gesellschaftliche Ressource: Kindheit als Zukunft, als dauernde Erneuerung der modernen Gesellschaft aus sich selbst heraus». In diesem Satz schwingt Positives mit. Positives würde ich auch gerne von jenem Lebensabschnitt hören, den wir erst jetzt entdecken: Die Zeit nach der aktiven Phase, die Zeit des Rückzugs, der Abhängigkeit und Hilfsbedürftigkeit.

Zeit, zur Ruhe zu kommen

Genau das versucht die Kampagne «alles-hat-seine-Zeit.ch», welche Justitia et Pax (die sozialethische Kommission der katholischen Kirche), die reformierten Kirchen der Schweiz und Pro Senectute im Oktober gestartet haben. Dabei erstaunen mich die Aussagen Kurt Martis, Pfarrer und Schriftsteller, nicht: «Es gibt eine Zeit des Schweigens», und weiter: «ich möchte nicht ständig aktiviert werden».

Kirche schafft Ruheorte

Zur Ruhe kommen, in Ruhe gelassen werden, ist der Wunsch vieler über 85-Jähriger. Den letzten Lebensjahren ein Gesicht zu geben, ist demnach gar nicht so einfach. Da braucht es alle Kräfte unserer Gesellschaft – auch die Kirche. Ein Ort, wo dem Wunsch nach Ruhe nachgekommen wird, sind für mich die Gottesdienste, welche wir Seelsorger und Seelsorgerinnen in den Heimen feiern. Da macht es nichts, wenn Herr und Frau Müller während der Predigt schlafen. Dafür weckt sie nicht selten die Musik (eine bunte Gruppe von Laien und Profis ist für die musikalische Gestaltung der Gottesdienste verantwortlich). Entscheidend ist es, zu erleben, dass man zu einer grösseren Gemeinschaft gehört, und dem einen oder andern bekannten Gesicht zu begegnen. Hier erfahre ich im Kleinen, wie wohltuend das Zusammenspiel aller Beteiligten ist (vom technischen Dienst bis zu den vielen Freiwilligen) – wie dieses Zusammenspiel Menschen hilft, wenigstens für eine kurze Zeit Ruhe zu finden – ich meine, solche Feiern haben eine positive Wirkung auf die Atmosphäre des ganzen Hauses.

Erfüllung – nicht nur Kostenfaktor

Für die letzten Lebensjahre Worte zu finden, welche nicht vorwiegend vom Mangel und hohen Kosten reden, bleibt eine Herausforderung. Ich nehme sie gerne an. Im Suchen, wie wir Hochbetagten ermöglichen, ein Gleichgewicht zwischen Aktivität und Ruhe zu finden, kann sich auch unser eigener Alltag entschleunigen. Ab und zu einfach nur dasitzen, eventuell einander die Hand geben, statt Worte ein Lied, ein Gedicht … Ich kann mir gut vorstellen, dass das eine und andere Kind sich dann auch kurz hinzusetzt.

Edith Weisshar ist Altersheimseelsorgerin in den Altersheimen Oberi, Neumarkt und Brühlgut.

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