In der Bibel lesen wir, wie Petrus und Johannes, beides engste Vertraute von Jesus Christus, an der Pforte zum Tempel einem von Geburt an Gelähmten antrafen. Er bat sie um ein Almosen aber Petrus erwiderte: „Silber und Gold besitze ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazareners: Geh umher!“ Der Mann konnte plötzlich stehen und ging umher. Er trat mit ihnen in den Tempel und lobte Gott. Alle verwunderten sich über diese Taten, so lesen wir weiter. Auch der Sanhedrin oder Hohe Rat (höchstes Gericht) hörte von dieser Heilung und liess die zwei zu sich bringen.

Sie wurden gefragt:
„In welcher Kraft, in welchem Namen habt ihr dieses Wunder vollbracht?“ Petrus erwiderte: „Im Namen Jesus Christi, des Nazareners, den ihr gekreuzigt habt und der von Gott von den Toten auferweckt worden ist. In diesem Namen steht dieser gesund vor euch. Das ist der Stein, der von euch, den Bauleuten, für nichts geachtet, der zum Eckstein geworden ist. Und es ist in keinem anderen das Heil; denn auch kein anderer Name unter dem Himmel ist den Menschen gegeben, in dem wir errettet werden müssen.“
Was für einen unglaublichen Glauben muss Petrus besessen haben um erst den Gelähmten zu heilen und anschliessend vor dem Hohen Rat mit so viel Mut und Selbstvertrauen aufzutreten?
Schön wäre es ja, wenn sich solche oder ähnliche Wunder auch heute noch ereignen würden. Wenn man selber so viel Mut und Glauben besässe! Man kann diese Geschichte kritisch hinterfragen, theologisch auseinander nehmen und an den Universitäten diskutieren. Ist was dran an der Geschichte oder ist es eine Metapher, ein Bild, das auf etwas ganz anderes hindeuten will? Eine Frage, deren Beantwortung immer Theorie bleiben wird, ausser man setzt seinen Glauben aktiv in die Praxis um, ähnlich wie es Petrus und Johannes getan haben mit dem Mut eines glaubenden Christen.

Worauf ich diese Erkenntnis stütze? Weil ich selber unzählige Male erleben durfte, wie Menschen durch Gebet und durch soliden Glauben übernatürlich geheilt wurden. Eine Geschichte dazu erzähle ich Ihnen gerne. Meine erste Frau war von Geburt an extrem kurzsichtig. Ohne ihre dicke Brille konnte sie sich kaum bewegen. Eines Tages, nach einem gemeinsamen Gebet um Heilung bei Freunden, wollte sie ihre Brille wieder aufsetzen und bemerkte, dass diese in zwei Teile zerbrochen war. Natürlich blöd, da es draussen schon dunkel war und wir nach Hause mussten. Ich, ganz Gentleman, wollte bei ihr einhängen und sie führen. Doch sie erwiderte etwas verwundert „ich brauche keinen Blindenführer, ich sehe ja ganz scharf!“. Stellen Sie sich vor, wie erstaunt wir beide waren, als uns bewusst wurde, dass sie ohne Brille scharf sehen konnte! Halleluja, preist den Herrn! Der anschliessende Augencheck beim Augenarzt hinterliess einen Arzt mit offenem Mund. Ich werde diesen Anblick nie mehr vergessen. Gott ist gross!

Von Mauro Callegari, Jugendseelsorger der Pfarrei St. Laurentius

«Die Weisheit ruft laut auf der Strasse, auf den Plätzen erhebt sie ihre Stimme. Am Anfang der Mauern predigt sie, an den Stadttoren hält sie ihre Reden» (Sprüche 1, 20)

Liebe Leserin, lieber Leser

Nächster Sonntag ist Abstimmungssonntag!

Laut duden.de bedeutet ‘abstimmen’ entweder: Durch Abgabe der Stimmen eine Entscheidung über etwas herbeiführen, oder: Etwas in Einklang mit etwas bringen, oder: Sich mit jemandem absprechen.

Ab¦stim¦en: Sich mit jemandem absprechen
Menschen, die etwas verändern oder nicht verändern wollen, die sprechen sich ab und organisieren sich. Wenn wir sie dann in der Öffentlichkeit sehen und hören, wirken sie wie dem biblischen Vers entsprungen: Die Unterschriftensammler rufen laut auf der Marktgasse und erheben auf dem Neumarkt ihre Stimme. Sie predigen am Bahnhof und halten ihre Reden am Unter- und Obertor.
Nur ist leider nicht jeder Abstimmungs-Rufer auch von Weisheit erfüllt.

Ab¦stim¦men: Etwas in Einklang mit etwas bringen
Für uns, die ich jetzt einmal den normalen Bürgern zurechne, ergibt sich daraus spätestens einige Jahre später während des Abstimmungskampfes eine schwierige Lage: Verschiedene Meinungen treten an uns heran. Liegt die Weisheit nun beim Untertor oder beim Obertor? Selten ertönen die verschiedenen Stimmen des Wahlkampfs harmonisch abgestimmt, sondern reiben sich vielmehr in dissonanten Unstimmigkeiten und Kakophonien.
Trotzdem kommt jetzt auch die zweite Bedeutung des Wortes ‘abstimmen’ zum Tragen: Es gilt für uns nun, in der Vielfalt die Stimme zu finden, die mit unseren eigenen Grundhaltungen und Hoffnungen symphoniert, indem wir auf das Echo des eigenen Herzens lauschen. Wo ruft die Weisheit?

Auch bei diesem Schritt gibt es Stolperfallen, etwa wenn die Vielzahl der Stimmen die eigene verwirrt. Mir selber ist es bei meiner ersten Abstimmung so ergangen: Übereifrig haben eine Schulfreundin und ich uns im Vorfeld auf den grossen Tag vorbereitet, an dem wir uns das erste Mal aktiv in die Schweizer Demokratie einbringen konnten. Wir haben Material gesammelt, Diskussionen gehört, sogar Briefe mit Bitten um noch genauere Informationen versandt und begierig die Inhalte der Antwortsendungen verschlungen. Zu guter Letzt war ich ob der vielen Argumente so verwirrt, dass ich gar nicht gestimmt habe. Kein grandioser Start ins aktive Politisieren!

@damir/Fotolia

Ab¦stim¦men: Durch Abgabe der Stimmen eine Entscheidung über etwas herbeiführen
Wenn wir aber nun heute als gereifte und erprobte Abstimmer unsere Stimmharmonien gefunden haben, so treten wir an zur abschliessenden Tat: Dem Einwurf in die Stimmurne.
Mögliche Probleme bei diesem Schritt sind eher simpler Natur: Der eine hat seinen Stimmzettel verlegt, der zweite ihn falsch ausgefüllt und der dritte die Urnenöffnungszeit verschlafen. Aber eine Grosszahl der Stimmbürger wird es schaffen und eine Entscheidung herbeiführen.

Möge es die Weisheit sein, die nach der Auszählung laut auf der Strasse ausgerufen wird und auf den Plätzen ihre Stimme erhebt!

Ines Bolthausen ist Seelsorgerin im Alterszentrum Adlergarten Winterthur

Beim letzten Abendmahl hat Jesus zwei Zeichen gesetzt, an die wir uns am hohen Donnerstag erinnern: das Abendmahl mit Brot und Wein und die Fusswaschung als Zeichen des Dienens. Beide Zeichen verbindet Jesus mit einem Auftrag. Der Auftrag so zu handeln wie Jesus bei der Fusswaschung ist klar und deutlich: Tut es mir gleich, macht es so wie ich.
Das, was er zum Abendmahl sagt, ist weniger eindeutig: Tut dies zu meinem Gedächtnis, das ist mein Leib, das ist mein Blut, brecht Brot und trinkt Wein, nehmet alle davon und denkt dabei an mich.

Was will Jesus uns mit dem Abendmahl sagen, zeigen, oder besser schenken?
Ich denke, es geht ihm darum, ein zu tiefst menschliches Bedürfnis zu stillen!
Im Lukasevangelium gibt es beim letzten Abendmahl eine Szene, die mich auf die Spur bringt: Die Jünger geraten in Streit, wer von ihnen der Grösste ist. Was steckt hinter der Frage, wer ist der Grösste? An wen ist sie gerichtet?

Dahinter verbirgt sich das Gefühl, in allem, was ich tue und in dem, wie ich wirklich bin übersehen, vielmehr nicht wahrgenommen zu werden. Diese Erfahrung ist sehr belastend und kann schwerwiegende Folgen haben.
Gekränkte Menschen, die das Gefühl haben nicht gesehen zu werden und nicht zu genügen, sie gehen ein, so wie Blumen, die kein Wasser bekommen.
Kinder fangen an, um die Liebe und Anerkennung der Eltern zu buhlen. Das Gefühl, gegenüber Geschwistern benachteiligt worden zu sein, lässt einen ein Leben lang nicht los. Selbst wenn der Verstand sagt, es war nicht so.

Vor einigen Jahren bekam ich einen Button geschenkt, auf dem steht: „Jesus loves you“ und darunter, „but I’m his favourite!“
„Jesus liebt Dich, aber ich bin sein Liebling!“ Ich finde, dieser Button passt zu jedem Menschen und formuliert das, was das Abendmahl für mich ausdrückt: Jesus liebt die Menschen und lädt alle zum Abendmahl ein. Zu jedem, der dieser Einladung folgt, sagt er: „Du bist mein Liebling!“
Ich habe den Button auf meinem Schreibtisch liegen, denn es tut gut, diese Worte ab und zu wieder zu lesen. Jesus möchte, dass alle Menschen so einen Button tragen, damit jeder sagen kann: Ich bin Jesus Liebling.

Mit dem letzten Abendmahl sagt Jesus: Ich sehe Dich. Dieses Gesehen werden, das Jesus uns in Brot und Wein verspricht, sind keine drohenden Worte. Im Gegenteil, es heisst: Ich sehe Dich in Deinem Sein. Du brauchst Dich nicht zu verstellen, denn ich weiss wer Du bist, wie Du bist, was in Dir steckt und viel mehr. Er nimmt uns an und macht uns zum Liebling.
Dieses Gesehen werden können wir nur mit dem Wort „Liebe“ beschreiben. Es sind Momente der Liebe, in denen ich mich anerkannt und angenommen fühle.

Jesus möchte uns das Gefühl schenken, wahrgenommen zu werden, dabei zu sein. Dieses Gefühl gibt Mut und Kraft.

Ich weiss nicht, ob dies theologisch richtig oder eher Selbsttäuschung ist. Ich weiss nur, dass es gut tut zu wissen: Ich bin sein Liebling. Ob der eines Menschen oder der von Gott. Diese Erfahrung wünsche ich uns allen, nicht nur am hohen Donnerstag.

Beitrag von Marcus Scholten, Gemeindeleiter der Pfarrei St. Ulrich Rosenberg

Haymo Empl, der ehemalige Winterthurer Synodale, Personalverantwortlicher der Katholischen Kirche in Winterthur und Gemeinderat, hat ein Buch über das Verhältnis zwischen Reformierten und Katholiken im Kanton Glarus geschrieben – ein Buch, das besonders lesenswert ist in Zeiten, in denen religiös geprägte kriegerische Auseinandersetzungen in aller Welt das mediale Geschehen beherrschen.

Wie es zu „Gegeneinander – Nebeneinander – Miteinander“ kam

Seit über 40 Jahren besitzen wir im Glarner Hinterland ein Ferienhaus. In Glarus Süd, wie dieser hintere Teil des Kantons Glarus heute etwas vornehmer benannt wird, stehen drei Pfarrkirchen und drei Kapellen. 1937 wurde die Kirche St. Theresien in Luchsingen erbaut, 2012 konnte das 75-Jahr Jubiläum gefeiert werden. Die Römisch-katholische Kirchgemeinde Glarus Süd hatte mich gebeten, zu diesem Anlass eine Festschrift zu verfassen. Bei den dafür notwendigen Recherchen stiess ich auf viele Unterlagen, die die interessante, wechselvolle Kirchengeschichte des Kantons Glarus dokumentieren. So entschloss ich mich, nach dem Jubiläum ein grösseres Werk in eigener Regie herauszugeben.

Nach drei Jahren war es so weit: Das Buch mit dem Titel „Gegeneinander-Nebeneinander-Miteinander“ schildert das Verhältnis zwischen Reformierten und Katholiken im Kanton Glarus, gestern und heute. Ein „roter Faden“ zieht sich durch das Buch. Es werden die Entwicklungen auf der Ebene der Schweiz und des Kantons Glarus dargelegt. Parallel dazu diejenige des Vatikans, des Bistums Chur und von Kirchgemeinden und Pfarreien.

Es ist nicht nur für Glarner lesenswert, denn in Pfarreien und Kirchgemeinden in anderen Kantonen fanden ähnlich gelagerte Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten statt. Sie dauerten bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Auch heute noch berichten uns die Medien über religiös geprägte kriegerische Auseinandersetzungen in aller Welt. So hat das Buch keineswegs an Aktualität verloren. Es ist zu hoffen, dass auch ausserhalb der Schweiz verschiedene Glaubensrichtungen von einem Gegeneinander zum Nebeneinander und schlussendlich zum Miteinander finden.

Von Zwingli im Glarnerland bis zu Papst Franziskus: zum Inhalt

Das Buch beginnt mit der Schilderung der Zustände in der Eidgenossenschaft im 16. Jahrhundert in vorreformatorischer Zeit. Zwingli begann seine Laufbahn in Glarus. Nach seinem Wechsel nach Zürich begann die Reformation, verbunden mit Auseinandersetzungen um Glaubensfragen auf eidgenössischer Ebene. Sie eskalierten, die Kappeler- und Villmerger-Glaubenskriege waren die Folge. In groben Zügen wird die kirchliche und weltliche Entwicklung vom 17. bis zum 20. Jahrhundert im Kanton Glarus und der Schweiz geschildert. Dargelegt werden das Konzil von Trient und die Umsetzung in Form der Gegenreformation. Der Kulturkampf  führte zur Revision der Bundesverfassung und hatte Folgen für die Katholiken. Wichtige Meilensteine sind das Erste und Zweite Vatikanische Konzil. Weitere Kapitel befassen sich mit der bekenntnisverschiedenen Ehe, dem schwindenden Gottesdienstbesuch, dem Pfarrermangel. Nicht unerwähnt bleiben die Auseinandersetzungen auf Bistumsebene bis ins 21. Jahrhundert, aber auch die laufend bessere ökumenische Zusammenarbeit und die Verlautbarungen von Papst Franziskus, die neue Hoffnungen wecken.

Das Buch, reich bebildert mit einem Umfang von 168 Seiten ist im Eigenverlag erschienen und kann beim Verfasser Haymo Empl, Dättnauerstrasse 32 b, 8406 Winterthur zum Selbstkostenpreis von Fr 30.- (inkl. Porto) bezogen werden.

 

Haymo Empl

„Was ist denn das für eine abstruse Frage“ – so werden wahrscheinlich die meisten Leserinnen und Leser denken, wenn sie mit dieser Seite zu lesen beginnen. Aber diese Frage ist mir tatsächlich durch den Kopf gegangen, als ich letzthin in April mit zwei Stellungnahmen zum neusten Schreiben von Papst Franziskus konfrontiert worden bin.
Dieses Schreiben heisst „Amoris Laetitia“ und ist das lehramtliche Schreiben des Papstes zur Bischofssynode über Ehe und Familie der vergangenen zwei Jahre.
Die beiden Stellungnahmen stammten beide aus der Feder eines Generalvikars des Bistums Chur und sie machten beide den Anschein eines Wettrennens. Gewonnen hat Zürich. Das Schreiben von Generalvikar Annen erreichte mich 17 Minuten vor dem Schreiben des Generalvikars Grichting – und wenn es nach meinem Befinden geht, dann bin ich vom Himmel in die Hölle geraten und kurz darauf wieder an meinem Schreibtisch in Oberwinterthur gelandet.

Das hohe Ideal
Damit ich nicht ungerecht werde, muss ich vorausschicken, dass ich zum Thema „Ehe und Familie“ in der katholischen Kirche eine dezidierte Meinung habe und dass diese Meinung sicher nicht zur Mehrheit zählt.
Genauer formuliert habe ich diese Meinung vor ungefähr zwanzig Jahren an meinem vorigen Wirkungsort im Fricktal während eines Podiumgesprächs. Meine zentrale Aussage damals war, dass die katholische Kirche nur eine sehr, sehr anspruchsvolle Form der Ehe kennt und keine andere Form gelten lässt. Aus diesem Grund ist das Scheitern in der katholischen Ehe fast schon einprogrammiert. Und darum bin ich bis heute der Meinung, dass es mehrere Formen der Ehe geben sollte. Schliesslich gibt es ja auch Breitensport und Spitzensport, und wer immer nur auf die Höchstleistung schaut, blinzelt automatisch auch in Richtung Doping.

Barmherzigkeit und Lehrmeinung
Von daher fühlte ich mich fast schon im Himmel, als ich den Kommentar von Generalvikar Annen las: Der Papst betont, dass man jetzt neu den Einzelfall anschauen muss. Der Papst sieht die Tatsache, dass ganz viele Eheleute immer wieder am Ideal scheitern – auch an den Idealen, die sie selber setzen, nicht nur am Ideal der Kirche. So soll man im Einzelfall immer wieder Orte der Liebe suchen und dort ansetzen, damit die Freude an der Liebe („Amoris Laetitia“) wachsen kann. Darum muss man all diesen Verbindungen auch immer mit Barmherzigkeit begegnen und versuchen, das Beste daraus zu machen. Generalvikar Grichting dagegen betonte vehement, dass der Papst im Einklang mit der Bischofssynode die katholische Lehre nicht geändert habe. Die Ideale der katholischen Kirche hätten sich überhaupt nicht verändert und das habe der Papst mehrfach betont.
Mit dieser Aussage kann ich problemlos leben, denn auch ich stecke mir manchmal hohe Ziele und bin froh, wenn die Kirche auch aufzeigt, in welche Richtung das Leben gehen soll. Nur dass sich damit überhaupt nichts geändert habe – und das war die Intention des Kommentars von Generalvikar Grichting – das hat mich dann vom Himmel direkt in die Hölle stürzen lassen.

Die Realität im Blick
Endlich wagt es ein Papst einmal, die Realität in den Blick zu nehmen und nicht einfach zu behaupten, solange das Ideal nicht verwirklich sei, herrschten nur Sünde und Schuld. Endlich einmal wird auch die Not der Menschen mit diesen hohen Idealen thematisiert und werden Wege aufgezeigt, wie mit dieser Not umgegangen werden kann, ohne die Ideale zu verraten. Und dann kommen die Besitzstandwahrer daher und behaupten, gar nichts habe sich geändert! Es gelte immer noch Befehl und Gehorsam und es sei von Anfang an klar, wer befiehlt und wer gehorchen muss.
Ich war wirklich froh, dass ich nach dieser Himmel- und Höllenfahrt wieder im Alltag an meinem Schreibtisch in Oberwinterthur angekommen war.

Michael Weisshar-Aeschlimann, Gemeindeleiter St. Marien Oberwinterthur

Fröhlichkeit oder gar eine Art von der Leichtigkeit des Seins kamen in mir kürzlich auf, als ich durch den Flohmarkt in der frühlingshaften Winterthurer Altstadt schlenderte. Die Sonne schien und die vielen Marktbesucher freuten sich an der ausgelegten Ware, dazwischen wuselten Kinder umher, verzaubert von all den Spielsachen die für wenig Geld zu haben wären.

Da, wie ein Blitz aus heiterem Himmel höre ich einen Schrei des Entsetzens, suchend drehe ich mich um und blicke eine Sekunde lang in die vor Panik und Schreck  aufgerissenen Augen einer jungen Frau, sie trägt ein Kopftuch und ist dunkel gekleidet. Ich begreife, dass sie wohl ihr Kind verloren hat, sie weint laut, voller Verzweiflung und stammelt in ihrer Sprache Wörter, die in so einem Moment wohl von allen verstanden werden.

Ende gut
Schnell bemühen sich einige Marktbesucher um die junge Frau und schon organisieren sich welche, um das kleine Mädchen, um das es sich handelt, und das wie vom Erdboden verschluckt scheint, zu suchen. Da kommt aber schon, zur allgemeinen Erleichterung die Marktaufsicht mit einem kleinen schwarzlockigen Mädchen daher. Es stürzt sich in die Arme seiner Mutter, wo es schnell sein Lächeln wieder findet. Wir, als hilflose, aber teilnahmsvolle Zuschauerinnen und Zuschauer sind natürlich erleichtert und froh, dass diese kleine, heftige Episode auf dem Flohmarkt ein so schnelles und gutes Ende genommen hat.

Nach einer kurzen, herzlichen Verabschiedung gehen wir erleichtert unserer Wege. Mir aber bleiben die aufgerissenen Augen, voller Panik und Schrecken, der Mutter unvergesslich, denn einen Sekundenbruchteil lang habe ich die Augen Tausender Mütter gesehen, die mit ihren Kindern, ihren Familien auf der Flucht sind, auf der Flucht vor Panik und Schrecken. Ein Bild, das mich nicht so leicht loslässt.

 

Die Welt scheint aus den Fugen zu geraten: Was vor kurzem noch undenkbar gewesen wäre, ist heute wieder salonfähig geworden, sei dies religiöser Fanatismus oder rechtsnationaler Rassismus. Ausgehend von banalen Geschichten wie einem verweigerten Handschlag werden unverhältnismässige Debatten geführt. Die Medien tragen mit dazu bei, einen neuen Kulturkampf herauf zu beschwören, etwa im Sinne, wie es der ehemalige Leiter der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus, Georg Kreis, formuliert hat:  «Radikale empören sich über Radikalismus.» Politisch endet das in Vorstössen von Bewegungen und Parteien, die Rechtsstaat, Verfassung und Menschenrechte unterhöhlen wollen. In diesem unsicheren Klima ist  es verständlich, dass die Bevölkerung verunsichert und irritiert ist.

Offene Jugendarbeit bietet Lösungsansätze
Die Lage scheint ausweglos zu sein und es ist schwierig geworden, sich für die Werte einer offenen und pluralistischen Gesellschaft einzusetzen. Wo bleibt die Vernunft? Wo sind Lösungsansätze zu finden? Hoffnung gibt es, wie es die Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative gezeigt hat! Die Zivilgesellschaft ist noch stark genug, sie kann selber denken und das Geschehen beeinflussen. Auch wenn es im ersten Blick nicht danach aussieht, die Offene Kinder- und Jugendarbeit ist einen Bestandteil davon.

Stadt und Kirchen in der Trägerschaft
Besonders in Winterthur ist diese soziale Infrastruktur, die sowohl von der Stadt wie auch den Kirchen getragen wird, nicht mehr wegzudenken. Die offene Arbeit begleitet Kinder, Jugendliche, aber auch junge Erwachsene in die Selbstständigkeit und Mündigkeit und integriert sie in gesellschaftliche Prozesse. Hier können die Betroffenen Bildungsinhalten erwerben, die für alltägliche Handlungs- und Sozialkompetenzen wichtig sind. Insbesondere für bildungsmässig und sozial benachteiligte junge Menschen leistet die Offene Kinder- und Jugendarbeit einen wichtigen Beitrag zur Integration und Vermeidung von Ausgrenzung. Dies konnten wir im Vorfeld der Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative eins zu eins feststellen: In unzähligen direkten Gesprächen in den Treffs haben sich viele junge Erwachsene zum ersten Mal Gedanken über ihre Rechte als Bürger gemacht. Sie haben begriffen, dass sie, unabhängig von ihrer Herkunft, Teil unseres Staates und unserer Gesellschaft sind. So hat es sich ergeben, dass am 28. Februar viele junge Bürgerinnen und Bürger zum ersten Mal in ihrem Leben abstimmen gegangen sind und ihr Meinung so kundgetan haben. Diesen jungen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, stärkt ihr Selbstwertgefühl und ist damit eine wichtige Voraussetzung, um Radikalismus in jeder Form überwinden zu können.

Stefan Heinichen ist Jugendarbeiter, unter anderem in der Pfarrei St. Marien, und bei der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus Berater für Roma und Sinti.

 

Nur der Tonfall hat sich geändert, nicht aber der Inhalt der kirchlichen Doktrin – so haben viele Medien das jüngste Dokument des Papstes zu Ehe und Familie mit dem Titel „Amoris Laetitia“ (Freude der Liebe) beurteilt. Sicher stimmt die Wahrnehmung bezüglich des Tonfalls. Da schreibt der oberste Katholik leidenschaftlich wertschätzend über die Wunder der Liebe auch in ihrer erotischen Dimension, wirbt in blumenreicher Sprache für das Ideal einer treuen und fruchtbaren Partnerschaft von  Mann und Frau, hebt schon im Titel die „Freude“ hervor, die liebende Beziehungen ermöglichen. Weite Teile des Dokumentes stellen wirklich einen freudigen Lobpreis des „wunderbar komplexen“ Lebens dar – wobei „komplex“ ausdrücklich positiv gewertet wird.
Papst Franziskus selbst äussert im Vorwort die Vermutung, „dass alle sich am meisten durch das achte Kapitel angesprochen fühlen“. Dieser Textabschnitt trägt den Titel: „Die Zerbrechlichkeit begleiten, unterscheiden und eingliedern“. Darin werden all die Beziehungsformen thematisiert, die dem Ideal der unauflöslichen christlichen Ehe und Familie nicht oder nur teilweise entsprechen. Und hier gibt es klar inhaltlich weiterführende Ansätze im Vergleich zum dem, was bisher in der offiziellen katholischen Kirche Gültigkeit besass.

„Das positiv Gelebte würdigen“
Am bedeutsamsten scheint mir der mehrmals betonte Primat der Wirklichkeit vor der Lehre, der Vorrang des konkreten Einzelfalles vor dem abstrakten Ideal. Das päpstliche Schreiben formuliert keine neuen gesetzlichen Regelungen, sondern relativiert die bestehenden. Originalton: „Daher darf ein Hirte sich nicht damit zufrieden geben, gegenüber denen, die in ‚irregulären‘ Situationen leben, nur moralische Gesetze anzuwenden, als seien es Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft.“ Vielmehr lädt der Papst ein, mitzufühlend, nicht verurteilend, die unterschiedlichsten Situationen der Menschen in ihrer Verschiedenheit zu begleiten, das darin positiv Gelebte zu  würdigen und den Auftrag des Evangeliums zu verwirklichen, alle einzubeziehen. (Der mögliche sakramentale Nicht-Ausschluss ist leider nur in eine Fussnote verwiesen, aber immerhin explizit erwähnt.)

Entscheidende Rolle des Gewissens
Dem Gewissen wird in unerhört neuer Weise eine entscheidende Rolle zugeschrieben, wörtlich: „Aufgrund der Erkenntnis, welches Gewicht die konkreten Bedingtheiten haben, können wir ergänzend sagen, dass das Gewissen der Menschen besser in den Umgang der Kirche mit manchen Situationen einbezogen werden muss, die objektiv unsere Auffassung der Ehe nicht verwirklichen.“

Logik der Integration
Ganz besonders geht es dem Papst um die „Logik der Integration“, die die Logik der Botschaft Jesu widergibt. Gegen jede „kalte Schreibtisch-Moral“ plädiert er für ein Klima, das uns „in den Zusammenhang einer pastoralen Unterscheidung voll barmherziger Liebe“ versetzt, „die immer geneigt ist zu verstehen, zu verzeihen, zu begleiten, zu hoffen und vor allem einzugliedern.“ Für eine solche Perspektive, die wirklich Türen zu öffnen vermag, bin ich dem Bruder Papst Franziskus dankbar.

Hugo Gehring

Der Alltag steht nicht in bestem Ruf. Nicht umsonst reden wir vom grauen Alltag. In vielen Agenden sind die Werktage in schwarzer Schrift gehalten und nur die Sonn- und Feiertage rot herausgehoben. Die Botschaft scheint klar: Diese, die rot markierten, sind die herausragenden Tage – die andern sind zu bestehen, manchmal mit letzter Kraft zu überstehen.
Es gibt auch immer so viel zu erledigen. Und vor allem: Es hört nie auf. Denn des Erledigens ist kein Ende. So nützt die meist praktizierte Strategie, alles noch schneller zu erledigen, überhaupt nichts. Das ganze Leben wird so nur noch mehr zu einer Angelegenheit, die ich – möglichst schnell – erledige, um dann, selber erledigt, zum Eigentlichen zu kommen. Doch, was ist eigentlich?

Der Alltag hat Potenzial
Nichts gegen rot markierte Sonn- und Feiertage oder erwartungsfroh eingetragene Frei- und Ferientage! Wieso aber nicht versuchen, dem Alltag (und das ist immerhin der grösste Teil meines Lebens) etwas mehr Farbe abzugewinnen? Wirklich, der Alltag hat Potenzial! Ja, der Alltag mit seinen vielen kleinen Begegnungen und den vielen kleinen Dingen, die zu erledigen sind, birgt tatsächlich Farb-stoff genug für bunteste Erfahrungen…. wenn sie denn wahrgenommen werden!

Wider den Erledigungswahn
Notwendig dazu ist ein Mentalitätswechsel: vom «Wieviel» zum «Wie» ich etwas mache, sage, erledige. Was nützt es, wenn einer beste Antworten auf die grossen Fragen des Lebens weiss, aber mit dem Kleinkram des Lebens nicht umzugehen weiss? Zum Mentalitätswechsel gehört das Ablegen von jenem Erledigungswahn, welcher uns unaufhörlich antreibt und nicht mehr zur Ruhe kommen lässt. Stattdessen wird sich eine neue Empfindsamkeit und Empfänglichkeit für die Kostbarkeiten des Augenblicks einstellen.
All das schreibt und liest sich schnell, braucht aber einen langen Übungsweg. Ein solcher Übungsweg können sogenannte Exerzitien im Alltag sein, die hier in Winterthur sowohl von reformierten Kirchgemeinden wie katholischen Pfarreien angeboten werden (im Internet leicht zu finden). Auf einem solchen Übungsweg wird bewusst versucht, dem Reichtum des eigenen Lebens auf die Spur zu kommen und das Potenzial des Alltags zu heben.
In manchen Kursen werden die Teilnehmenden dazu angeleitet, noch mehr aus ihrem (zukünftigen) Leben zu machen. Hier geht es darum, mehr in seinem (jetzigen) Leben zu entdecken. Wieso nicht mal versuchen, das Aussergewöhnliche im Gewöhnlichen zu finden? Wieso nicht Staunen über das, was ist, anstatt alles als selbstverständlich hinzunehmen? Wieso nicht mal eine Liebeserklärung an das ganz Gewöhnliche?

Weil Gott sich oft im Kleinen versteckt
Nie mehr vergessen werde ich, wie ich vor drei Jahren nach einem Unfall wieder das einfache Laufen lernen musste. Und in dieser Zeit verfasste ich eine Liebeserklärung an meine Füsse und Beine, die mich bislang so treu über Stock und Stein getragen hatten. Nur wäre es mir bis dato schlicht nicht in den Sinn gekommen, sie mal zärtlich zu streicheln und zu sagen, wie dankbar ich ihnen bin.
Was oder wer in ihrem Leben hat schon längst eine solche Liebeserklärung (wieder mal) verdient? Übrigens, wer so das Leben wahrzunehmen beginnt, ist auf dem besten Weg zu jener Erfahrung, die Ignatius von Loyola (der Gründer des Jesuitenordens und «Erfinder» der Exerzitien) so umschreibt: «Gott in allem suchen und finden».
Wer sagt denn bloss, «der Teufel steckt im Detail»?! Nein, Gott versteckt sich oft im Kleinen – haben wir diese weihnächtliche Lektion bereits vergessen?

Stefan Staubli ist Pfarrer in der katholischen Pfarrei St. Peter und Paul.

Die ersten Lichterbäume, die ich als Kind sah, was waren sie zauberhaft. In unserem Dorf gab es zwei davon: einen beim Dorfbrunnen, den andern bei der Papeterie. Im Schaufenster der Papeterie fuhr eine Spielzeugeisenbahn ihre Runden. Wir drückten uns am kalten Glas die Nasen weiss. Vielleicht will es einem scheinen, mein Kindheitsadvent sei eine schlichte, dunkle Angelegenheit gewesen. Ich widerspreche, denn Dunkelheit mit einzelnen Lichtpunkten ist genau mein Ding.

Im Advent habe ich eine Aufgabe. Ich will meinen eigenen Lichtpunkt setzen: Eine Weihnachtsgeschichte oder ein -gedicht will ich schreiben. Das ist schwierig. Es gibt schliesslich einzigartige Weihnachtsgeschichten: Dickens A christmas carol, Henrys Geschenk der Weisen oder Roseggers Als ich Christtagsfreude holen ging. Berührende, kluge und magische Erzählungen.

So sitze ich jeweils im Advent mit solchen Vorbildern, in leichter Anti-Weihnachts-Stimmung und mit dem Anspruch, Kitsch zu vermeiden, vor meinem PC. Da ist es nicht verwunderlich, wenn ziemlich viel Schräges oder gar Bissiges bei meinen Übungen herauskommt.

Weshalb tust du dir das an?, fragte ein Kollegin. Meine Antwort: Weil ich nicht hinterfragen will. Weil ich hinterfragen muss. Weil ich im Advent warte. Weil ich vom Advent nichts erwarte. Weil ich etwas verloren habe. Weil ich etwas wiederfinden will. Weil ich mehr habe als ich brauche. Weil ich unmögliche Aufgaben brauche.

Dann sah ich das Foto eines Busses. Rot, mit Girlanden und Sternen geschmückt und gerade so, als sei er meiner Jugendzeit entsprungen. Zu diesem Bild gehörte die Aufforderung, Weihnachtstexte einzureichen. Da sass ich nun vor meinen seltsamen Weihnachtsgeschichten und der Frage: Passt das in einen von Winterthurer Kirchen ausgeschriebenen Wettbewerb. Nichts davon war fromm, klug oder lehrreich. Aber wer weiss, dachte ich.

Wochen später sitze ich im Adventsbus: vor mir ein Mikrophon. Mein Fauteuil steht in der Mitte des Busses. Ganz hinten haben zwei charmante Männer Musikinstrumente installiert. Vorne werden Billette geknipst, der Busfahrer in Uniform scheint aus den 70ern hergezaubert. Die Fahrt geht Richtung Seen. Ich lese und ich spüre, mit mir sind Menschen. Vielleicht hören sie zu, vielleicht träumen sie, vielleicht kann ich sie mit meinen Geschichten forttragen: in die Wüste, in einen verschneiten Wald, an die See…

Sie haben es mir nicht erzählt: Sie sind eingestiegen, mit uns durch den Abend gefahren, wieder ausgestiegen. Eine Fahrt fast wie jede andere auch. Nur dass es diesmal ein sinnliches Erlebnis war: das Rollen des Busses, Schaukeln, Abbremsen, staunende Gesichter, bunte Lichter allüberall – und, als käme sie von weit her, leicht verwischt von den Eindrücken und der Bewegung des Gefährts, eine beschwingte, elegante Musik.

Vielleicht aber sassen wir alle gar nicht in einem Bus, sondern in einer Fähre. Draussen war nicht Winterthur, sondern die Weite des Meers. Wir schaukelten nicht nach Seen, sondern auf die Isle of Christmas. Wenn das mal keine schräge Geschichte wird …

Dieser Text ist auch erschienen in der Kolumne „glaubenssache“ des Winterthurer Stadtanzeigers